Abitur in Sachsen-Anhalt wird leichter

Land muss Zahl der Leistungskurse senken / Kritik von Gymnasiallehrern

Das Abitur in Sachsen-Anhalt ist bundesweit eines der schwierigsten. Bis 2019 muss das Land das ändern. Die Gymnasiallehrer sehen das kritisch.

Das Abitur in Sachsen-Anhalt steht vor dem zweiten großen Umbau innerhalb von drei Jahren: Bis Sommer 2019 muss das Land die Oberstufenverordnung anpassen. Sie legt die Spielregeln fest, mit denen Schüler zum Abitur kommen. Grund: Ein Beschluss der Kultusministerkonferenz (KMK). Sie will das Abitur in Deutschland wieder vergleichbarer machen. Künftig soll es überall nur noch zwei bis vier Leistungskurse geben. Derzeit fordert Sachsen-Anhalt sechs Kurse auf erhöhtem Niveau, bundesweit zählt das Abi damit zu den strengsten.

„Das Bemühen der Länder, beim Abitur mehr Vergleichbarkeit zu erreichen, unterstütze ich“, sagt Bildungsminister Marco Tullner (CDU). Wie genau das Land die Vorgaben umsetzen will, hat er noch nicht entschieden. Die Gymnasiallehrer kritisieren derweil schon jetzt zu lockeren Standards. „Zu beobachten ist ein Trend zu abnehmender Leistungsbereitschaft in der gesamten Bildung“, sagt Philologenverbands-Chef Thomas Gaube. „Das fängt in den Grundschulen an und setzt sich bis in die Hochschulen fort.“

Auch Gaube nimmt dabei besonders die Oberstufenverordnung in den Blick. 2016 wurden die Zügel hier schon einmal gelockert: Abiturienten können seitdem bis zu 8 von 44 Kursergebnissen aus der Endnote streichen. „Das ist das falsche Signal“, sagt Gaube. Und er geht noch weiter: „Ich bin für die Wiedereinführung der verbindlichen Schullaufbahnempfehlung.“ Gaube stellt damit das Recht von Eltern infrage, selbst zu entscheiden, ob ihre Kinder nach der Grundschule aufs Gymnasium gehen. Es herrsche leider oft die falsche Auffassung, ein schlechtes Abi sei besser als ein guter Sekundarschulabschluss. Gaube unterstützt zudem Aussagen seines Bundesvorsitzenden Heinz-Peter Meidinger. Er hatte zuletzt vor einer „Inflation an guten Noten“ im Abitur gewarnt.

Tatsächlich verbesserten sich in Sachsen-Anhalt die Abi-Noten nach der Oberstufenreform 2016 deutlich: 2017 lag der Schnitt bei 2,30 – so hoch wie seit 2002 nicht.

Das ist aber nicht unverdient: Laut Bildungsbericht lagen Sachsen-Anhalts Schüler zuletzt bundesweit im Spitzenfeld in Naturwissenschaften und Mathe. Bildungsminister Marco Tullner (CDU) weist die Kritik der Philologen dann auch zurück: „Das sachsen-anhaltische Abitur ist ein Qualitätsabitur.“ Die Debatte hat einen Anfang: Bis 1999 galten fürs Abi bundesweit einheitliche Standards. Abiturienten durften zwischen Grund- und Leistungskursen wählen, zwei Leistungskurse waren Pflicht. Dann kippte die KMK die Regeln, Sachsen-Anhalt zog die Zügel besonders straff: Im ersten Schritt erhöhte das Land 2007 die Zahl der Kurse auf erhöhtem Niveau auf sechs. Im zweiten schaffte es 2013 die Möglichkeit ab, die 12 schlechtesten Halbjahresnoten zu streichen.

Die Folgen sind dramatisch, sagt der Hallenser Abitur-Experte Günter Germann: Scheiterten vor der ersten Reform (2004) 8 Prozent der Schüler in der Oberstufe, waren es 2014 fast 20. Sein Fazit: „Sachsen-Anhalts Schüler werden bis heute um ihre Leistungen betrogen, eine Korrektur ist überfällig.“ Die meisten Länder seien da weiter. In der Tat: Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg oder Baden-Württemberg – alle haben die Rückkehr zum alten Kurssystem bereits beschlossen.

Volksstimme Magdeburg 31.03.2018

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