Der Online-Lehrer

In Zeiten geschlossener Schulen produziert ein Hallenser Youtube-Filme für seine Schüler
Wie unterrichten in Zeiten coronabedingter Schulschließungen? Lehrer Stephan Baier geht jeden Tag ins heimische Online-Filmstudio. Vom Dachgeschoss aus erklärt er seinen Schülern die Physik von Raum und Zeit. Anschauen macht auch Erwachsenen Spaß.

Wer in Kindertagen „Die Sendung mit der Maus“ oder „logo“ gesehen hat, fühlt sich bei den Filmen von Stephan Baier unweigerlich daran erinnert. Ganz wie im Fernsehstudio steht da ein gut gelaunter Moderator und erklärt den jungen Zuschauern, wie die Welt da draußen funktioniert. In einem Stream zur Relativitätstheorie Albert Einsteins erfährt der Zuschauer etwa, dass ein Körper immer schwerer wird, je schneller er sich bewegt. Bis er kurz vor der Lichtgeschwindigkeit – der höchstmöglichen Geschwindigkeit im Universum – quasi unendlich schwer würde.

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Allein, der Moderator ist im normalen Leben Lehrer für Physik, Religion, Astronomie und Technik am Merseburger Herder-Gymnasium. Seine Rolle als TV-Erklärer ist einzig der Corona-Krise geschuldet.

Seit am 16. März die Schulen schlossen, müssen Lehrer überall in Sachsen-Anhalt nach Wegen suchen, den Unterricht zu ihren Schülern zu tragen. Der 34-jährige Baier kam auf die Idee, Youtube-Filme zu drehen. „Ich wollte den Schülern auch zu Hause möglichst viel Methodenwechsel anbieten“, sagt er. Online-Video-Konferenzen, wie sie viele Firmen veranstalten, schieden aus. „Die Schüler sind unterschiedlich ausgestattet, mancher hat ein Headset und schnellen Internetzugang. Aber längst nicht alle.“

Youtube-Filme dagegen lassen sich, einmal veröffentlicht, immer wieder von jedem internetfähigen Computer aus abrufen. Schüler können in der Youtube-Kommentarleiste Fragen stellen, die Baier im nächsten Video beantwortet. Die Filmchen sind zudem die ideale Ergänzung zum Schulserver „Moodle“.

Dort stellen viele Lehrer ohnehin Aufgaben und Material für ihre Schüler ein. Um die Zeit-strukturen der „echten Schule“ zu erhalten, veröffentlicht der Hallenser seine Filme jeweils in der Zeit, in der auch seine Stunden stattfinden würden. Mit 15 bis 20 Minuten fällt der Film dabei kürzer aus als die übliche 45-Minuten-Einheit. Auch im Unterricht dauert ein Lehrervortrag allerdings selten länger als zehn Minuten. Die Zeit vor und nach dem Film sollen die Schüler für Aufgaben und Selbststudium nutzen. „Das klappt gut“, sagt Baier und erzählt von einem Experiment:

Mit Hilfe ihrer Mikrowelle sollen Oberstufenschüler die Lichtgeschwindigkeit berechnen. Dazu müssen sie eine Tafel Schokolade ohne Drehteller ins Gerät legen und es anstellen. Die Leckerei sollte an zwei sechs Zentimeter entfernten Punkten anfangen zu schmelzen – exakt an den Knotenpunkten der Mikrowellen. „Wenn man dann weiß, dass übliche Mikrowellengeräte die Schokolade mit einer Frequenz von 2450 Megahertz beschießen, lässt sich die Lichtgeschwindigkeit leicht ermitteln.“ Wer’s richtig macht, sollte auf knapp 300 000 Kilometer pro Sekunde kommen. Eine Schokolade, mit der das prächtig funktioniert, hat Baier auch parat: „Nehmen Sie die Alpenmilch-Schokolade eines bekannten Herstellers“, sagt er und lacht. Natürlich darf genascht werden.

Das alles klingt locker. Ein Kinderspiel ist die Youtube-Schule dennoch nicht. Bis zu sieben Stunden arbeitet Baier täglich allein an seinen Filmen. „Doch das ist es wert. Ich bekomme sehr viele positive Rückmeldungen“, sagt er.

Wer neugierig geworden ist, darf gern reinschauen, online unter: www.stephan-baier.de

Volksstimme Magdeburg

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