Die Unterrichtsversorgung im freien Fall

Das Bildungsministerium Sachsen-Anhalt schreibt 850 neue Lehrerstellen aus. Die Personallage an Schulen wird immer prekärer.

Die Lage an Sachsen-Anhalts Schulen wird immer angespannter. Derzeit fehlen 600 Lehrer, um alle Unterrichtsangebote wie geplant abzudecken. Das sagte am Dienstag Bildungsminister Marco Tullner (CDU). Vom Lehrermangel betroffen sind vor allem Gemeinschafts- und Sekundarschulen. Insbesondere Schulen im ländlichen Raum würden stark unter Druck geraten, sagte Tullner.

Die Unterrichtsversorgung über alle Schulformen ist laut Ministerium erneut gesunken. Im laufenden Schuljahr lag sie bei 96,3 Prozent. Rechnerisch können bei 100 Prozent Unterrichtsversorgung alle Stunden wie vorgesehen erteilt werden. Im vorherigen Schuljahr war mit einem Wert von 99 Prozent erstmals die 100-Prozent-Marke unterschritten worden. Sachsen-Anhalt strebt eine Reserve an und will einen Landesschnitt von 103 Prozent erreichen.

Mehr als 800 Einstellungen
Das Land versucht seit einigen Jahren, dem Lehrermangel mit einer Einstellungsoffensive zu begegnen. Es fehle nicht an Geld oder Stellen, sagte Tullner. „Wir stoßen an die Grenzen des Machbaren, weil Lehrkräfte derzeit nur begrenzt verfügbar sind.“ Er verwies auch darauf, dass der Wunsch nach Teilzeitarbeit ebenso wie der Trend zum vorzeitigen Ruhestand deutlich zunähmen. Zugleich betonte der Minister: „Wir sind in der Lage, ein stabiles Schulnetz zu erhalten.“ In diesem Jahr wurden dem Ministerium zufolge bisher mehr als 800 Lehrer eingestellt. Aktuell startet eine weitere Runde, in der 851 neue Lehrer gesucht werden, davon allein 266 für die Sekundarschulen.

Eine Absage erteilte Tullner immer wieder neu aufkommenden Plänen aus dem Finanzministerium, die Arbeitszeit von Lehrern zu erhöhen: „Das würde die Flucht in den vorzeitigen Ruhestand und in Krankheit eher noch beschleunigen.“

Die Bildungsgewerkschaft GEW erklärte, die Unterrichtsversorgung befinde sich „weiter im freien Fall“. Die Bilanz sei ein Armutszeugnis. Die 96,3 Prozent Unterrichtsversorgung bedeuteten, dass durch Krankheit, Klassenfahrten und andere Vakanzen real jede zehnte Unterrichtsstunde ersatzlos ausfalle. Die Regierung könne von der zwölfjährigen Schulpflicht damit mehr als ein ganzes Jahr nicht mehr gewährleisten. An manchen Schulen verlören die Schüler faktisch drei komplette Jahre ihrer Ausbildung. „Im Land braucht sich niemand mehr zu wundern, warum Sachsen-Anhalt in vielen Schulvergleichen so schlecht abschneidet“, sagte GEW-Landeschefin Eva Gerth. „Die Lehrkräfte sind hier nicht weniger motiviert, die Schülerschaft nicht dümmer als anderswo.“ Nur der Landesregierung scheine seit Jahren die Motivation für ein echtes Umsteuern zu fehlen, fügte sie hinzu.

Volksstimme Magdeburg

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