Digitales Lernen frustriert Eltern und Schüler

Lehrergewerkschaft fordert Zensuren-Stopp
Drei Wochen nach Schließung der Schulen wächst in vielen Familien der Frust. Eltern berichten von Aufgabenflut, fehlender Technik und mangelnden Vorgaben zur Tages-Struktur. Gewerkschaft GEW und Elternrat fordern, die Notengebung auszusetzen.

Selten bekommen Facebook-Veröffentlichungen des Landeselternrats so viel Zuspruch: Mehr als 660 Mal wurde bis gestern eine Betroffenen-Schilderung zum häuslichen Schulalltag in Corona-Zeiten von Nutzern geteilt. Darin beschreibt eine Mutter, selbst Lehrerin in Sachsen-Anhalt, die Bedingungen des aktuellen Unterrichts für ihre Söhne: „Ich fühle mich absolut überfordert“, schreibt die Frau, die ungenannt bleiben will. „Ja, die Situation ist für alle neu, wir müssen uns umstellen. Trotzdem ist der Druck, der zum Teil ausgeübt wird, enorm.“

Lehrer stellten Aufgaben auf Schulservern ein, die unklar formuliert seien: „Von Inhalt und Umfang ist nicht die Rede.“ Parallel dazu seien viele Schüler nicht in der Lage, sich selbst zu organisieren. Eltern könnten den Lehrerersatz – etwa jobbedingt – nicht leisten. Dennoch drohten manche Lehrer jetzt mit Noten oder mit Tests direkt nach Ende der Schulschließungen.

Der Landeselternrat bestätigt ähnliche Rückmeldungen von anderen Eltern. Manche Eltern sprächen von einer Aufgabenflut. „Viele Schulen geben keinerlei Anleitungen zur Tageseinteilung der Schüler“, sagte Vorsitzender Matthias Rose. Die Gewerkschaft GEW weist auf die höchst unterschiedliche technische Ausstattung vieler Elternhäuser hin. Laut sogenannter JIM-Studie besaßen 2019 nur zwei Drittel der Jugendlichen bundesweit PC oder Laptop. „Ein Teil bleibt damit jetzt von vornherein vom Lernen ausgeschlossen“, warnte GEW-Landeschefin Eva Gerth.

Elternrat und GEW fordern auch deshalb, die Notengebung auszusetzen, solange die Schulschließungen andauern. „Zensuren können rechtlich nur vergeben werden, wenn klar ist, dass eine Leistung vom Schüler selbst erbracht werde“, ergänzte Matthias Rose. In Sachsen hatte der dortige Elternrat in einem Brief an „Entscheidungsträger“ bereits Ende März verbindliche Regelungen zur Notengebung gefordert.

Sachsen-Anhalts Bildungsministerium sieht mit Blick auf Zensuren indes keinen Regelungsbedarf: „Ein Lehrer kann erkennen, ob es sich um eine individuelle Leistung handelt.“ Schulen könnten deshalb weiter benoten.

Bei Problemen wie Überforderungen sei stets der Lehrer erster Ansprechpartner, ergänzte ein Sprecher. Minister Marco Tullner (CDU) sagte: „Wir befinden uns in einer Situation, die für keine Schule, keine Lehrkraft und natürlich für keinen Schüler planbar war. Es ist völlig klar, dass dies nicht immer störungsfrei abläuft. Aber alle Beteiligten lernen konsequent dazu.“ Laut Ministerium sprechen die Zahlen für einen Erfolg des Lernens zu Hause: So stieg die Anzahl der Zugriffe auf Lern-Plattformen des Landes von 350 000 täglich vor der Krise auf jetzt bis zu sechs Millionen. Schüler könnten auf mehr als 13 000 audiovisuelle Medien zugreifen. Das Landesschulamt hat zudem eine Elterninformation mit dem Titel „Wenn Lernen zu Hause stattfindet“ erstellt.

Volksstimme Magdeburg

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