Lehrermangel: Jetzt Lernfilme statt Unterricht

Im Kampf gegen Stundenausfall greift das Bildungsministerium zu ungewöhnlichen Mitteln: Fehlen Lehrer, sollen Schüler verstärkt eigenständig mit Lernvideos arbeiten. An 14 Schulen ist ein Pilotprojekt gestartet. Die Bildungsgewerkschaft GEW spricht von „Schnellschuss“.

Nur eine Woche nach Schulstart melden gleich mehrere Schulen vor allem im ländlichen Norden massive Probleme bei der Unterrichtsversorgung. Die kleine Sekundarschule im 1500-Einwohner-Dorf Dähre bei Salzwedel kann jede dritte Stunde nicht erteilen. Die Unterrichtsversorgung liegt bei 69 Prozent. Zwischenzeitlich dachte die Leitung gar über eine Vier-Tage-Woche nach. Die Kenia-Koalition strebt 103 Prozent an, um Ausfälle etwa bei Krankheit auffangen zu können.

Auch die Karl-Marx-Sekundarschule Gardelegen (84 Prozent Versorgung) arbeitet mit einem Notplan, schickt mehrere Klassen an einigen Tagen nach der vierten Stunde nach Hause. An beiden Schulen wurden Fächer ganz oder teilweise gestrichen, auch Förderstunden und Arbeitsgemeinschaften entfielen. An anderen Schulen der Altmark sieht es kaum besser aus, räumte das Bildungsministerium ein.

Obwohl die Altmark bei Stellenausschreibungen ganz oben auf der Prioritätenliste stehe, werde es immer schwieriger, Bewerber zu finden, sagte Sprecher Stefan Thurmann. Auch deswegen startet das Ministerium jetzt eine ungewöhnliche Initiative: Fehlen Lehrer, sollen Klassen verstärkt eigenständig ohne Fachlehrer mit Erklär-Videos auf einer Onlineplattform lernen. Dazu hat die Behörde ein Pilotprojekt mit 14 Schulen in der Region Salzwedel und Magdeburg gestartet. Das Ministerium arbeitet dafür mit der Berliner Firma „Sofatutor“ zusammen. Deren Angebot umfasse 12 500 Videos in 13 Fächern sowie 34 000 Arbeitsblätter und 40 000 Übungen. In Bremen wird das System bereits erfolgreich angewendet. Bewährt es sich, soll es nach einer Überprüfung 2020 ausgedehnt werden.

Die Idee: Ist der Mathelehrer krank, soll etwa der Sportlehrer künftig fachlich substanziell vertreten können. Für jede Klasse stünden dafür eng auf den Lehrplan abgestimmte Videos bereit, sagte Thurmann. Fehlen Lehrer ganz, sollen ältere Schüler auch allein arbeiten, um Totalausfall zu vermeiden.

Bei der Bildungsgewerkschaft GEW stößt das Projekt auf Kritik: „Das Vorgehen ist ein überteuerter Schnellschuss“, sagte Landeschefin Eva Gerth. Pädagogische Basisarbeit finde so kaum noch statt. Linke-Fraktionschef Thomas Lippmann sagte: „Das Projekt ist ein hilfloser Versuch, mit der Misere klarzukommen.“ Ein Sportlehrer sei auch mit Videos nicht in der Lage, einen Fachlehrer dauerhaft zu ersetzen. Die Lage an den Schulen sei dramatisch und werde sich mit der Erkältungswelle im Herbst weiter zuspitzen.

In Dähre geht der Gemeinderat auf die Barrikaden. In einem Brief werde man von Bildungsminister Marco Tullner (CDU) endlich echte Anstrengungen für mehr Lehrer auf dem Land einfordern, sagte Vize-Bürgermeister Harald Heuer. Ministeriumssprecher Thurmann sagte, das Schulamt tue alles, um offene Stellen kurzfristig zu besetzen. Für Dähre und Gardelegen gebe es aktuell auch aussichtsreiche Kandidaten.

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