Produktives Lernen – der Ausflug in die Praxis

Das Erbe – Was von der DDR geblieben ist / Projekt „Duales Lernen“ landesweit gestartet / Chance für Betriebe, um Nachwuchs zu gewinnen

Vor 30 Jahren, am 9. November 1989, fiel die Berliner Mauer. Weniger als ein Jahr später war Deutschland wieder vereint. Doch spurlos verschwunden ist die Deutsche Demokratische Republik keineswegs. Der MDR und die Volksstimme stellen in einer Serie fünf Überbleibsel vor, die sich durchgesetzt haben. Wie das Duale Lernen – zu DDR-Zeiten besser bekannt als Produktive Arbeit, kurz PA.

Wie viel Handarbeit in einem Fensterrahmen steckt, erfährt Marlin Menke hier aus erster Hand. Im Schülerpraktikum bei der „Fensterbau Gussek GmbH & Co KG“ in seinem Heimatort Elsnigk bekommt der 14-Jährige gerade Einblick in den Arbeitsalltag eines Tischlers. Nebenan bearbeitet André Sommerfeld (16) einen Glasleisten-Rahmen mit der Schleifmaschine. Auch er ist hier Praktikant. Den Praktikumsplatz beim Fensterbauer haben sich die beiden Neuntklässler selbst ausgesucht. „Weil ich später mal Tischler werden will, hier kann man viel mit Holz arbeiten, das macht Spaß. Bis jetzt“, erzählt André Sommerfeld aus Osternienburg.

So wie ihr zweiwöchiges Schülerpraktikum könnte bald auch das Projekt „Duales Lernen“ aussehen, das jetzt in Sachsen-Anhalt gestartet ist. Alle 14 Tage ein Praxislerntag in einem Unternehmen. Die Sekundarschule „Am Burgtor“ in Aken (Anhalt-Bitterfeld), wo André und Marlin lernen, ist eine von 30 im Land, die am Pilotprojekt teilnehmen werden. Schulleiter Hans-Rainer Homann verspricht sich viel davon. „Zum einen, den Unterricht weiter zu öffnen, den polytechnischen Charakter – den hatten wir ja schon mal – ein bisschen reinzukriegen, einen Motivationsschub zu geben, vor allem den Schülern, die mit dem klassischen Lernen Schwierigkeiten haben.“

Polytechnischer Unterricht gehörte ab 1959 zum Alltag an den DDR-Schulen. Für die Schüler der 7. bis 10. Klassen stand alle 14 Tage ein Tag in einem Betrieb im Stundenplan. Zunächst hieß das Fach daher „Unterrichtstag in der Produktion“ (UTP), später „Produktive Arbeit“ (PA). Die Schüler waren meist in der Konsumgüterproduktion im Einsatz. Im VEB Pumpenwerk Halle etwa bei der Herstellung gusseiserner Bratpfannen. Zum polytechnischen Unterricht gehörten ab der 7. Klasse auch die Theorie-Fächer „Einführung in die sozialistische Produktion“ und „Technisches Zeichnen“.

In den Betrieben entstanden eigens polytechnische Zentren. Die Schüler sollten praktische Erfahrungen sammeln und den Arbeitsalltag kennenlernen. Das sind auch zwei der Gründe, aus denen Sachsen-Anhalts Landesregierung das Modell jetzt wiederbelebt.

Sachsen-Anhalts Bildungsminister Marco Tullner (CDU): „Ich verspreche mir davon eine wirklich bessere Schulausbildung und auch eine höhere Motivation für die Berufswahl, die dann nach der 10. Klasse ansteht.“

Volkseigene Betriebe gibt es nicht mehr. Aber auch Unternehmen wie Gussek-Fensterbau finden das Modell interessant. „Es ist uns aufgefallen, dass es wichtig ist, junge Menschen fürs Handwerk zu inspirieren, Interesse zu wecken und auch auf diesem Wege Nachwuchs zu gewinnen, weil es ein zunehmendes Problem ist, im Handwerk Nachwuchs zu finden“, erklärt hier der stellvertretende Geschäftsführer Christian Müller. Marlin und André jedenfalls gefällt der Ausflug in die Praxis. Einen regelmäßigen Lerntag im Betrieb – das könnten sie sich vorstellen. Der wiederbelebte Praxislerntag könnte ein Modell mit Zukunft sein. Wird es ein Erfolg, soll es später auf alle Sekundarschulen in Sachsen-Anhalt ausgeweitet werden.

Volksstimme Magdeburg

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