Russisch auf dem Rückzug

Sachsen-Anhalts Schüler belegen immer häufiger Spanisch – wenn sie die Wahl haben. Der einstige Fremdsprachen-Primus Russisch ist in Sachsen-Anhalt auf dem Rückzug. Schüler können stattdessen wählen – wenn es die benötigten Fachlehrer gibt.

Bis zum Ende der DDR war Russisch verordnet erste Fremdsprache im Land. Alle Schüler ab der fünften Klasse mussten kyrillische Buchstaben und lange Vokabeln mit „Sch“-Lauten pauken. Unvergessen Wortungetüme wie Dostoprimetschatjelnostj (zu Deutsch nicht weniger kompliziert: Sehenswürdigkeit). „Die Anwendung glich oft eher Trockenschwimmen“, erzählt Bildungsminister Marco Tullner (CDU) aus eigener Erfahrung. Englisch als Sprache des Klassenfeinds wurde erst ab der siebten Klase gelehrt, mancherorts auch nur Französisch. Heute bestünden für Schüler glücklicherweise ganz andere Möglichkeiten, sagt Tullner. Doch stimmt das so? Ein Blick ins Land 28 Jahre nach der Wende:

Richtig ist: Den Status der ersten Fremdsprache büßte die Sprache von Dostojewski und Tolstoi nach 1990 rasch ein. Neuer Primus: Das Englische. Neu auch: Heute stehen neben der Erstsprache „Exoten“ wie Chinesisch und Tschechisch zur Auswahl. Russisch liegt in der Gunst der Schüler nur noch abgeschlagen auf Rang drei. Die Zahl der Gymnasiasten, die das Fach belegten, sank laut Statistischem Landesamt von 20 000 im Schuljahr 1995/96 auf zuletzt knapp 7000. Lernte kurz nach der Wende noch gut ein Fünftel der Gymnasiasten Russisch, ist es heute nur knapp jeder Sechste.

15 000 Schüler lernen Französisch
Die Spitzenposition hat auch bei den nackten Zahlen längst Englisch übernommen. Allein mehr als 50 000 Gymnasiasten belegen die Sprache Jahr für Jahr – fast 100 Prozent. Erst weit dahinter folgt an zweiter Stelle Französisch. Rund 15 000 Gymnasiasten erlernten es im Schuljahr 2016/17 – knapp jeder Dritte. Damit gehört auch die Sprache der Liebe zu den Verlierern der vergangenen Jahre. Noch 2005/6 hatten 37 Prozent der Gymnasiasten Französisch angewählt. Großer Gewinner ist mit Spanisch eine andere romanische Weltsprache. Das Interesse ist zuletzt stetig gestiegen. Entschieden sich noch 2005/6 nur knapp 2900 Gymnasiasten (4,3 Prozent) für Spanisch, waren es 2016/17 bereits 4097 (7,8 Prozent).

Den Trend beobachtet auch Thomas Schödel, Rektor der Landesschule Pforta (Burgenlandkreis). Das Internats-Gymnasium gehört zu den Flaggschiffen der Sprachbildung im Land. Im Angebot sind neben Englisch auch Latein, Französisch, Russisch, Spanisch oder Altgriechisch. Rund 100 Schüler mit entsprechendem Schwerpunkt lernen von der neunten bis zur zwölften Klasse verpflichtend mindestens vier Sprachen. Dass das klappt, hat auch mit der Personalausstattung zu tun. „Wir haben die Lehrer, die wir für unser Angebot brauchen“, sagt Rektor Schödel. Von sprachlichem Trockenschwimmen keine Spur: Es gibt Austauschprogramme mit Partnern in England, Norwegen, Polen oder Equador.

Wahlmöglichkeit oft nur Theorie
Auch an anderen Schulen gibt es breite Sprachangebote. Zur Wahrheit gehört aber auch: Eine Selbstverständlichkeit ist das nicht überall. Das zeigte sich zuletzt in Gardelegen. Weil am Geschwister-Scholl-Gymnasium Franzö- sischlehrer fehlten, drohte Russisch zur einzig wählbaren Zweitsprache zu werden. Für Gardelegen fand sich eine neue Kollegin. Und doch ist die Schule kein Einzelfall. Aktuell fehlen etwa der Gemeinschaftsschule in Seehausen akut Französischlehrer.

Michael Schulz, Sprecher im Bildungsministerium, räumt Probleme ein: Lehrermangel gebe es auch in Fremdsprachenfächern immer wieder. Besonders betroffen sind ländliche Räume. Das Problem: Eine Fremdsprache wird nur angeboten, wenn das Fach weitergeführt werden kann. Bei der Erstsprache (Gymnasium) müssen es wenigstens sechs Jahren sein, bei der Zweitsprache vier. Ob ein Schüler tatsächlich Spanisch oder Italienisch wählen kann, hängt damit zuerst vom Personal ab.

Junge Lehrer mit Trendsprachen wie Spanisch aber zieht es vorzugsweise in die Zentren.Wer die Wahl haben will, muss ihnen notfalls folgen. Joshua Sommer aus Wahlitz bei Gommern hat sich dafür entschieden. Als Neuntklässler bewarb er sich an der Schule in Pforta, und er wurde genommen. Am Internat lernt er heute neben Englisch und Französisch auch Altgriechisch und Latein.

Dabei hat der Jugendliche seine Liebe für die Schönheit alter Sprachen entdeckt.

Vor allem die Grammatik des Altgriechischen hat es ihm angetan. Vor Wortungetümen wie im Russischen ist auch Joshua dabei nicht gefeit. Besonders gefällt ihm die Konstruktion „Gnothi seauton“. Sie wird dem antiken Gott des Lichts, Apollon, zugeschrieben. Zu Deutsch bedeutet der Vers so viel wie „Erkenne dich selbst“. Genau das hätten die Schuljahre in Pforta bei ihm bewirkt, sagt Joshua. Die Fremdsprachen dürften dabei geholfen haben.

Volksstimme Magdeburg 05.04.2018

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