Schülerfirmen: Spielwiese für die Chefs von morgen

150 Projekte verkaufen eigene Produkte oder bieten Dienstleistungen an / Land hofft auf künftige Unternehmer Von Alexander Walter
Wie lassen sich Kinder heute für Schule begeistern? Eine Antwort: durch Schülerfirmen. Kinder erfahren dabei die Erfolge eigenen Handelns. Das Land fördert die Projektarbeit großzügig. Es hofft auf künftige Startups.

Maria Gruhn ist es gewohnt, Jüngeren die Welt zu erklären. 20 Jahre stand sie als Lehrerin in der Grundschule Loburg vor der Klasse. Lesen, Schreiben, Rechnen, Zeichnen, Sport – all das vermittelte sie unzähligen Kindern. Die Schule der Lehrerin Gruhn, sie war eine Welt von Tafel, Kreide und Büchern.

Mehr als 30 Jahre sind seit ihrem letzten Arbeitstag als Pädagogin vergangen. An diesem Nachmittag im März ist Maria Gruhn zurückgekehrt. Diesmal allerdings hat das Leben die Rollen vertauscht. Jetzt sitzt die 79-Jährige auf der Schulbank, neben ihr zwei blutjunge „Lehrer“.

Unsicher tastend bewegen sich die Finger der Rentnerin über die Oberfläche eines Tablet-Computers. „Was ist das für ein Zeichen?“, fragt Gruhn ihre Nachbarin. Die zehnjährige Hannah Müller muss nur kurz auf den Bildschirm blicken. „Damit kann man Texte schreiben“, erklärt das Mädchen souverän.

Wer die Loburger Grundschule besucht, kann Szenen wie diese in jüngster Zeit regelmäßig beobachten. Das iPad gehört längst zum Schulalltag. Die Loburger Kinder haben daraus eine originelle Idee entwickelt: Seit zwei Jahren bieten sie iPad-Kurs für Senioren an. Dabei zeigen Kinder, die selbstverständlich mit Computern aufwachsen, Erwachsenen, wie Textdokumente erstellt werden, wie man im Internet recherchiert, Musik hört oder Fotos bearbeitet. Jedes Kind ist Pate für einen Kursteilnehmer. Als Obolus zahlen die Besucher zwei Euro pro Stunde.

Die Kurse sind gefragt, sagt Lehrerin Bianca Kretschmer. Dank Werbung kommen Teilnehmer inzwischen auch aus Nachbarorten wie Möckern. Weil das Geschäftsmodell so erfolgreich läuft, haben Kinder und Lehrerin jetzt Nägel mit Köpfen gemacht. Vor wenigen Wochen haben sie eine Schülerfirma gegründet. Die „Loburger Digi-Kids“ sind ein typisches Beispiel für eine solche Firma. Deren Zahl steigt seit Jahren langsam, aber stetig. Stolze 150 gibt es inzwischen im Land. Das Konzept: Schüler entwickeln eigene Ideen für gefragte Produkte oder Dienstleistungen im Umfeld ihrer Schule und setzen diese gemeinsam um. Das Spektrum reicht vom Schülercafé über Nachhilfe für Mitschüler bis zum Tüfteln an rollstuhlgerechten Beeten, sagt Claudia Köhler. Köhler ist Leiterin bei den „Gründerkids – Schülerfirmen Sachsen-Anhalt“.

Das Projekt unter dem Dach der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung (DKJS) berät Schülerfirmen seit 2009 bei Gründung und Weiterentwicklung. Schülerfirmen sind weit mehr als Projektarbeit, sagt die Leiterin. „Auch das Geldverdienen ist gar nicht so wichtig.“ Viel wesentlicher: Die Arbeit im Team stärkt das Vermögen, sich auszudrücken, eigene Standpunkte zu vertreten und Probleme kreativ zu lösen. „Die Kinder erleben, dass sie Dinge selbst zum Erfolg bringen können.“ – Die Schülerfirma als Persönlichkeitsschulung fürs Leben.

Das Potenzial hat auch das Wirtschaftsministerium erkannt. Von 2016 bis 2019 fließen fast 1,5 Millionen Euro in das Projekt „Gründerkids“. Die Folge: Fast nirgends sonst im Bund gibt es im Verhältnis zur Zahl der Schulen so viele Schülerfirmen wie hierzulande.

Das Ministerium verspricht sich dabei einen weiteren Gewinn: Sachsen-Anhalt, noch 2015 Schlusslicht bei Firmengründungen im Osten, will mehr junge Startups generieren. „Die Schüler von heute sind die Unternehmer von morgen“, heißt es aus dem Ministerium. Ziel der Förderung sei es, den Unternehmergeist im Land zu stärken.

An der Salzwedeler Lessing-Ganztagssschule gelingt das zumindest schulintern seit Jahren. Die Schülerfirma „Schüleroase/Biolädchen“ gehört zu den alten Hasen im Geschäft. Nach Einrichtung des Ganztagsschulbetriebs im Jahr 2001 erkannten Schüler damals, dass eine Pausenverpflegung fehlt. Anfangs belegten die Kinder Brötchen, sagt Lehrerin Birgit Michelfeit. Inzwischen hat sich die Palette auf Pita-Taschen, Pasta, Suppen oder Bio-Produkte erweitert. Verkauft wird, was gefragt und gesund ist. Die Einnahmen fließen in Freizeitgegenstände für die Schüler zurück. 40 junge Mitarbeiter teilen sich heute in strikter Arbeitsteilung Verkauf, Buchführung und Kooperation mit lokalen Händlern. Über die Zusammenarbeit mit echten Unternehmen ist die Schülerfirma – wie andere – zugleich zur Berufs-Kontaktbörse geworden. Schülerfirmen-Chefin, Lisa Plönnigs, hat sich zwar noch nicht für eine Richtung entschieden. „Aber ich bin viel selbstbewusster geworden“, sagt die 14-Jährige. In einem Team den Ton anzugeben, kann sie sich auch für die Zeit nach der Schule gut vorstellen.

Die Stärke von Schülerfirmen im Land sieht Gründerkids-Leiterin Claudia Köhler aber noch in einem weiteren Alleinstellungsmerkmal: Neben Schülern aus Sekundarschulen, Gymnasien und Grundschulen, spricht das Projekt in Sachsen-Anhalt auch Förderschüler an.

In Letzteren können Schülerfirmen dafür sorgen, dass sich Jugendliche, die sonst kaum Chancen auf Ausbildungsplätze hätten, Unternehmen ohne Zwänge empfehlen.

Dass das funktioniert, macht vor allem eine Schülerfirma seit Jahren vor. Die „School Dogs and Kids“ der Lernbehinderten-Förderschule Klein Oschersleben. Die Firma kooperiert gleich mit einer ganzen Handvoll Unternehmen, darunter ein Seniorenheim, eine Tierarztpraxis und die Wohnungsgenossenschaft „Neues Leben“.

Eins von mehreren Standbeinen: Regelmäßige Besuche des Seniorenheims der Vernetzten Pflegedienstleistung Oschersleben. Einmal im Monat führen die Kinder den Bewohnern Turnübungen und Jonglage vor. Immer dabei die struppigen Helden der Show: die Norfolk-Terrier Coffee, Jona und Nugget von Lehrerin Karola Wesemeier. Kinder und Hunde werden von den Rentnern stets sehnsüchtig erwartet, erzählt Wesemeier. Manchem Senioren rinnen nach den Auftritten Tränen über die Wangen. Ganz nebenbei dienen die Besuche der Berufsorientierung: Drei Mädchen haben ihr Schulpraktikum bereits im Heim absolviert.

Das Beste an der Schülerfirma aber: „Die Kinder erleben die Mitarbeit nicht als Bürde.“ Anders als mitunter im Unterricht lassen sie sich ganz und gar auf das Projekt ein. Das Geheimnis glaubt Wesemeier zu kennen. Schülerfirmen eröffnen Kindern einen ganz neuen Zugang zu Schule. Die Arbeit mit Hunden wie Jona, Nugget und Coffee etwa könne ein Eisbrecher sein, wo Worte allein versagen.

Der Fünftklässler Niclas Dustin Mühlenkam ist erst seit kurzem bei den „School Dogs and Kids.“ Warum, das sagt er mit eigenen Worten: „Weil die Hunde mir Freude bereiten, und weil sie klein und süß sind und weil ich selbst einen Hund zu Hause habe.“

Trotz seiner jungen Jahre weiß der 12-Jährige schon, was er später machen will. „Etwas mit Tieren wäre schön“, sagt er. Seine Firmen-Kollegen nicken ihm zustimmend zu.

Volksstimme Magdeburg 19.04.2018

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