Streit um freie Fahrt für Schüler

Mehrere Fraktionen im Stadtrat setzen auf kostenlose Tickets für Schüler im Stadtgebiet. Die Stadtverwaltung befürchtet eine jährliche Mehrbelastung in Millionenhöhe für den Haushalt. Der Fahrgastverband kann dieser Einschätzung nicht folgen.

Rostock macht Schule: Künftig sollen hier alle Schüler kostenlos mit Bus und Bahn fahren können. Anlass für Vorstöße im Stadtrat, ein ähnliches Modell für Magdeburg zu entwickeln. Bereits zur Novembersitzung im Stadtrat waren die Bedenken der Verwaltung vorgetragen worden: Zu befürchten seien jährliche Mehrbelastungen für den städtischen Haushalt in Millionenhöhe.

MVB-Sprecher Tim Stein sagt: „Ob durch eine Freifahrt für alle Schüler die Nachfrage plötzlich über die Maßen ansteigen würde, müsste untersucht werden, um dann konkrete Maßnahmen ableiten zu können. Eine solche Untersuchung liegt bisher nicht vor.“ Der Preis für eine Freifahrt würde sich nach der ermäßigten Abo-Monatskarte der Tarifzone Magdeburg richten, die jetzt auch schon für Kinder, Schüler, Studenten und Azubis erworben werden kann. Pro Person sind das 37,12 Euro monatlich. Bei rund 30 000 Schülern wären das rund 13 Millionen Euro.

Im Gegenzug würde die Stadt die Kosten für die aktuellen Schülertickets sparen, die auf bestimmte Tageszeiten und auf Schultage begrenzt sind und in deren Genuss abhängig von der Entfernung zwischen Wohnung und Schule nicht alle Magdeburger Schüler kommen. Sparen könnte sich die Stadt auch die Verwaltungskosten, die mit der Vergabe der Tickets und der Abrechnung der 100 Euro Selbstbeteiligung für ältere Schüler verbunden sind. Dennoch: Unter dem Strich stünde eine erhebliche Mehrausgabe, so das Kalkül der Verwaltung.

Zweifel an hohen Zusatzkosten
An markanten Mehrkosten allerdings meldet der Magdeburger Fahrgastverband erhebliche Zweifel an. „Unserer Einschätzung nach sind die MVB derzeit weder personell noch fahrzeugtechnisch in der Lage, zusätzliche Fahrten anzubieten. Deswegen dürften dafür also keine Kosten anfallen“, so Vereinsvorsitzender Tom Bruchholz. Ausgeglichen werden müssten die Einnahmeverluste, da dann weniger ermäßigte Fahrkarten verkauft würden.

Unklar dürfte auch sein, wie viele Schüler zusätzlich den öffentlichen Personennahverkehr nutzen würden. „Dies kann erst nach der jährlichen Fahrgastbefragung seriös beantwortet werden“, so Tom Bruchholz. Aus seiner Sicht lohnt sich aber bereits jetzt ein Blick auf ein ähnliches Angebot: Hier zahlen die Studenten der Uni und der Hochschule in Magdeburg pro Semester 33 Euro und haben dafür freie Fahrt in den Fahrzeugen der MVB. Tom Bruchholz schreibt: „Die Untersuchungen zeigen aber, dass das Semesterticket von ca. 30 Prozent der Studierenden genutzt wird.“ Ähnlich wäre bei den Schülern mit einem Massenansturm auf Busse und Bahnen nicht zu rechnen. Und in den Morgenstunden könnte die Staffelung von Anfangszeiten mögliche Spitzen abfangen.

Insgesamt befürwortet der Fahrgastverband das Freiticket für Schüler aus ökologischen wie aus sozialen Gründen: Die Teilhabe an Kultur, Sport und Freizeit ebenso wie die Ausübung von Ehrenämtern sei damit zumindest mit Blick auf die Fahrkosten nicht mehr vom Einkommen der Eltern abhängig. Unverständlich sei, warum erst für das Jahr 2020 über Freifahrscheine für Schüler nachgedacht werde, so Tom Bruchholz. Dieses Jahr wird in einem Antrag genannt, den die SPD-Ratsfraktion für Dezember angekündigt hat.

Außerhalb Magdeburgs ist das Thema ebenfalls im Fluss. In Sachsen-Anhalt hat der Landesjugendhilfeausschuss einen einstimmigen Beschluss gefasst. Es geht um gleiche Lebensbedingungen für alle. „Wir würden uns wünschen, dass das Land entsprechende Angebote finanziell unterstützen würde“, sagte Ausschussvorsitzende Nicole Anger gegenüber der Magdeburger Volksstimme. Einen ähnlichen Vorstoß hatte das beratende Gremium schon zur Novellierung des Landesschulgesetzes unternommen – dies allerdings ohne Erfolg.

Nicht allein Schüler für Bus und Bahn begeistern möchte die fränkische Stadt Aschaffenburg. Deren Stadtrat hat diesen Montag beschlossen, sonnabends freie Fahrt für alle innerhalb des Stadtgebiets zu gewähren.

In Rostock laufen die Vorbereitungen
Anlass für die Diskussion in Magdeburg war der Beschluss des Rostocker Stadtrats, Schülern freie Fahrt in Bussen und Bahnen zu gewähren. Katharina Borck von der Rostocker Straßenbahn AG sagt zum aktuellen Stand der Vorbereitungen: „Wir befinden uns gerade in der Abstimmung mit der Hansestadt Rostock zu der Umsetzung des politischen Auftrages.“ Wirtschaftlich sei das Thema einschließlich möglicher Mehraufwendungen durchgerechnet worden. Jetzt gehe es zunächst um die Zustimmung weiterer Partner wie des Landkreises Rostock und des Landes Mecklenburg-Vorpommern.

Volksstimme Magdeburg 22.11.2018

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