Streitgespräch: Wie steht es um unsere Schulen?

Bessert sich der Lehrermangel in den Schulen oder bewegt sich zu wenig? Sind Seiteneinsteiger eine Alternative? Ist es zumutbar, Kollegen Überstunden vorzugsweise auszuzahlen, auch wenn viele Lehrer überlastet sind? Gut ein Jahr nach einer Volksinitiative für mehr Lehrer haben sich Bildungsminister Marco Tullner (CDU) und Gewerkschaftschefin Eva Gerth getroffen. Ein Streitgespräch.

Volksstimme: Herr Tullner, Opposition und Gewerkschaften hatten vor Schuljahresbeginn die schlechteste Unterrichtsversorgung vorhergesagt, die es im Land je gab. Wo stehen wir heute?

Marco Tullner: Wir sind in Zeiten des Lehrermangels angekommen, das bestreitet niemand. Das spiegelt sich in der Unterrichtsversorgung wider. Ich wage aber die Prognose, dass wir heute auf einem ähnlichen Niveau liegen wie zu Schuljahresbeginn – also bei 99,4 Prozent, vielleicht 99,1. Die Unterrichtsversorgung ist auf kritischem, aber stabilem Niveau. (103 Prozent wären nötig, um den vorgeschriebenen Unterricht abdecken zu können, Anm. d. Red.)

Eva Gerth: Es ist das Schuljahr mit der historisch schlechtesten Unterrichtsversorgung. Das muss man so deutlich sagen. Und ich denke, wir liegen noch unterhalb der 99 Prozent. Auch deshalb, weil die angekündigten 1000 Einstellungen für dieses Jahr so nicht gekommen sind.

Marco Tullner: Wir können uns gern in Superlativen ergehen. Wahrscheinlich ist es sogar die schlechteste Unterrichtsversorgung. Darum kann es aber nicht gehen, es geht darum, was wir dagegen tun. Richtig ist, wir konnten bei der größten Stellenausschreibung des Jahres im Sommer 200 von 600 Stellen zunächst nicht besetzen. Wir haben aber nachgezogen. Inzwischen sind 182 dieser Stellen vergeben.

Eva Gerth: 1000 Einstellungen hatten Sie für 2018 angekündigt. Schaut man darauf, wie viele Einstellungen in den Schulen angekommen sind, sind wir von diesem Ziel weit entfernt. Nach Angaben Ihres eigenen Hauses fehlten im September noch rund 400 Vollzeitstellen.

Marco Tullner: Das trifft nicht zu. Wir haben schon jetzt 930 neue Lehrer in diesem Jahr gebunden. Mit der am Montag gestarteten Ausschreibung werden wir die 1000er-Marke sogar reißen. – Auch das ist übrigens ein historischer Wert. Der Grund für die Diskrepanz in der Wahrnehmung dürfte folgender sein: Lehrer tauchen natürlich erst dann in der Statistik auf, wenn sie auch anfangen. Wenn also ein Absolvent im September eine Stelle ab 1. Dezember annimmt, wird die Stelle logischerweise auch erst im Dezember als besetzt geführt. Und man darf eines nicht vergessen: Parallel zu den Einstellungen gehen ständig Lehrer aus dem System heraus – durch Rente, Krankheit, Kündigung. Ab 2019 rechnen wir mit fast 1000 Kollegen pro Jahr. Am Ende ist nicht entscheidend, wie viele Lehrer wir einstellen, sondern wie viele tatsächlich vor den Klassen stehen.

Volksstimme: Da sprechen Sie einen wichtigen Punkt an, Herr Tullner. Nach Ansicht etwa auch der GEW fallen durch Langzeiterkrankung und Elternzeit mehr Lehrer aus, als das Ministerium zugrunde legt …

Marco Tullner: Wir ziehen zur Berechnung der Unterrichtsversorgung Erhebungen mit jährlichen Stichtagen im September heran. Die Kurve der Langzeiterkrankungen verläuft dabei seit Jahren auf hohem, aber stabilem Niveau. Da gibt es im Jahresverlauf keinen nennenswerten Anstieg.

Eva Gerth: Das stimmt nicht. Von Stichtag zu Stichtag geht die Kurve nach oben. Auch aktuell. Aber viel wichtiger wäre eine monatliche Erhebung, damit Sie wissen, wie viele Lehrkräfte aktuell fehlen.

Marco Tullner: Nein, Frau Gerth, da steigt nichts großartig an. Was in der Tat exponenziell ansteigt, ist die Zahl der Lehrer in Elternzeit. Sie hat sich in den letzten drei Jahren fast verdreifacht auf aktuell fast 400.

Eva Gerth: Sie können die Augen nicht vor dem verschließen, was kurzfristig passiert. Die Zahl der Kurzzeiterkrankungen steigt im Lauf des Schuljahres an, das Jahreshoch wird im März erreicht. Die Zahl der Langzeiterkrankungen nimmt sogar von Stichtag zu Stichtag zu. Zusammen mit den Lehrern in Elternzeit landen wir meines Erachtens bei 800 Lehrkräften, die nicht vor den Klassen stehen.

Marco Tullner: Wir verschließen die Augen nicht vor den Entwicklungen, wir erleben das doch jeden Tag. Um reagieren zu können, hat die Koalition die Zahl der im Haushalt 2019 vorgesehenen Lehrer-Vollzeitstellen deshalb als „atmenden Deckel“ nach oben offen gehalten. Am Ende sind aber nicht Stellen oder Personalkosten der limitierende Faktor, sondern das Angebot an Lehrern auf dem freien Arbeitsmarkt.

Eva Gerth: Das stimmt, aber gerade deshalb müssen Sie auch bei den Einstellungen flexibler werden. Obwohl beispielsweise bei der Ausschreibung im Sommer 200 Stellen nicht besetzt werden konnten, haben 171 Absolventen erst gar kein Angebot bekommen. Rechnet man Lehrer mit DDR-Abschluss hinzu, landen wir bei mehr als 200 Absolventen, die trotz Lehrermangels zu Hause bleiben mussten. Das werfe ich Ihnen vor.

Marco Tullner: Wir wollen hier besser werden. Wir haben am Montag erstmals eine Ausschreibung gestartet, die sich in einem ersten Schritt ausschließlich an 200 Referendare und Lehrkräfte richtet. Die breite Öffnung der Ausschreibung schließt sich dann daran an. Das wird das Vergabe-Verfahren deutlich beschleunigen. Spätestens im Februar wollen wir bereits denjenigen Referendaren Stellen anbieten, die im Sommer 2019 fertig werden. Inzwischen haben wir Mitarbeiter, die sich nur mit den Wünschen der Absolventen beschäftigen. Wir werden auch das Landesschulamt personell verstärken, 32 zusätzliche Stellen sind für 2019 geplant. Wir rüsten hier massiv auf. Damit werden wir individuelle Lebensläufe stärker berücksichtigen, wie sie viele Seiteneinsteiger mitbringen. Von den 180 zuletzt Eingestellten waren mehr als 70 Seiteneinsteiger. Ihr Anteil wird weiternoch zunehmen.

Eva Gerth: Seiteneinsteiger bekommen derzeit nur einen vierwöchigen Einstiegskurs. Das ist aus meiner Sicht keine Perspektive. Wenn Sie die Kollegen halten wollen, müssen Sie Ihnen die Möglichkeit geben, einen gleichwertigen Abschluss zu erlangen.

Marco Tullner: Im neuen Schulgesetz haben wir die Möglichkeit des sogenannten Quereinstiegs schon verankert. Dazu werden derzeit die Universitäten ins Boot geholt. Voraussichtlich 2019 wird das berufsbegleitende Referendariat möglich sein.

Eva Gerth: Der Quereinstieg wird für die meisten Theorie bleiben. Voraussetzung sind zwei aus dem Universitätsabschluss ableitbare Unterrichtsfächer. Das kann fast niemand vorweisen. Da hängen die Trauben hoch.

Marco Tullner: Das müssen sie auch. Wir brauchen für unsere Schulen ein Mindestmaß an Qualifikation. Im Fokus des Angebots stehen zudem junge, ambitionierte Fachkräfte. Wir haben aber auch Einsteiger Ende 50. Die werden sicherlich nicht in jedem Fall zwei Fächer studieren.

Volksstimme: Apropros Ende 50 – eine Studie der Barmer hat ergeben: Sachsen-Anhalts Kollegien sind relativ alt und die Lehrer häufiger krank als im übrigen Osten. Psychische Erkrankungen sorgen demnach für die meisten Krankheitstage. Frau Gerth, wie überlastet sind unsere Lehrer?

Eva Gerth: Ja, die Altersstruktur in den Kollegien ist nicht ausgewogen. In der aktuellen Situation des Personalmangels tragen viele nun auch noch mehr weg, als sie müssten. Das Land macht zwar Angebote zur Prävention. Faktisch haben die Kollegen dafür aber keine Zeit. Wir fordern, gebt den Lehrern im Schuljahr einen Tag der Prävention, den sie ausschließlich dafür nutzen können.

Marco Tullner: Aber grundsätzlich sind nicht automatisch die erfahrenen Kollegen auch die kranken Kollegen. In der Tat kostet es Kraft, sich täglich wieder Autorität zu verschaffen und zu bestehen. Wir wollen den Lehrern deshalb den Rücken stärken. Wir werden die Formate unserer Präventionsangebote hinterfragen, eine breite Informationskampagne dazu starten und dabei die psychologische Belastung stärker in den Blick nehmen.

Eva Gerth: Ihr Plan, Überstunden künftig vorzugsweise auszuzahlen, statt sie mit Freizeit auszugleichen, ist da aber das falsche Signal.

Marco Tullner: Sie haben recht, normalerweise dürfte es Mehrarbeit gar nicht geben. Aber wir haben mehr als 200 000 Überstunden angehäuft, darauf mussten wir reagieren. Für 2018 haben wir den Kollegen ein Angebot gemacht: Wer will, kann sich Überstunden je nach Schulform für 23 bis 33 Euro die Stunde auszahlen lassen. Mehr als 50 Prozent der infrage kommenden Kollegen haben das genutzt. Auch im nächsten Jahr können die Kollegen wählen: Wer Mehrarbeit nicht ausgezahlt haben will, stellt einen Antrag auf Freizeitausgleich. Die Sätze für Überstunden sollen im kommenden Jahr spürbar steigen. Ich halte das für ein faires Angebot.

Eva Gerth: Überall im Tarifrecht sind bei Mehrarbeit Zuschläge üblich. Die Lehrer arbeiten schon jetzt am Limit, sehr oft auch an den Wochenenden. Wir fordern mindestens Regelungen über Freizeitausgleich, besser aber Arbeitszeitkonten. Damit könnten Kollegen Überstunden ansparen und so eine Auszeit nehmen oder früher in Rente gehen.

Marco Tullner: Bei Arbeitszeitkonten bin ich erstmal skeptisch. Damit hat das Land schlechte Erfahrungen gemacht. Vor 15 Jahren mussten wir auf einen Schlag 300 Millionen Euro auszahlen.

Volksstimme: Frau Gerth, im Oktober hatten Sie angekündigt, ein Bündnis gegen den Lehrermangel, dem sie angehören, erwäge jetzt erstmals ernsthaft ein Volksbegehren. Wird es dazu kommen?

Eva Gerth: Das Land liefert jedenfalls zu wenig. Und die Arbeitszeitkonten wurden nur deshalb so teuer, weil das Land nicht vorgesorgt hat.

Marco Tullner: Wir können über die Lehrerarbeitszeitkonten gern reden, ich bin für konkrete Vorschläge offen. Aber wir müssen alle Risiken eben im Blick haben. Grundsätzlich bin ich nicht zufrieden mit der Situation, das eint uns. Wir kommen aber voran. Wir stellen so viele Lehrer ein wie noch nie, versuchen die Belastungen zu reduzieren und wertschätzen die Leistung der Lehrkräfte. Mehr geht immer, aber man muss die Entwicklungen auch zur Kenntnis nehmen.

Volksstimme Magdeburg 22.11.2018

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