Verkürzte Stunden sollen helfen

Am Editha-Gymnasium setzen sich Lehrer, Schüler und Eltern für eine zeitlich flexiblere Unterrichtstaktung ein. An jeder Unterrichtsstunde sollen fünf Minuten gespart werden. Auf diese Weise entsteht ein zusätzliches Stundenkontingent. Eine Lehrerin hatte Widerspruch dagegen eingelegt.

Das sogenannte 80/10-Modell (von 90 Minuten werden zehn gespart) wird bereits an mehreren Schulen im Land getestet. Am Editha-Gymnasium hat eine Lehrerin, die verkürzt arbeitet, jedoch Widerspruch dagegen eingelegt. Bis zur Klärung hält sich die Schule nun wieder an den 45-Minuten-Takt, berichtet Schulleiterin Katja von Hagen. Bis zum vergangenen Schuljahr wurde das Modell an der Schule genutzt. Seit diesem Schuljahr und bis zur juristischen Klärung wird es ausgesetzt, sagte sie.

Am Editha-Gymnasium wurden mit Hilfe der gesparten Zeit Stunden für sogenannte Eigenständige Lernzeit geschaffen. Nachhilfe, Begabtenförderung und Ähnliches standen den Schülern damit zur Verfügung. Schüler, Lehrer und Elternvertreter bedauerten gleichermaßen, dass das Modell inzwischen nicht mehr genutzt wird. Die Befürworter berichteten bereits von Erfolgen: Durch die zusätzlichen Stunden unter der Überschrift „Eigenständige Lernzeit“ konnte die Schule die Zahl der „Sitzenbleiber“ reduzieren, erreichte einen zweiten Platz beim Bundesfremdsprachenwettbewerb und einen zweiten Platz beim Pädagogik-Pitch, der der Schule ein Preisgeld in Höhe von 800 Euro einbrachte. Nicht zuletzt könnte damit in Ausnahmefällen auch Lehrerausfall kompensiert werden, bestätigte Schulleiterin Katja von Hagen, wenn ein Lehrer etwa nicht in einem Projekt in der Eigenständigen Lernzeit eingebunden sei. In den Oberstufen wurde das Modell nicht angewendet, weil die Anerkennung des Abiturs infrage steht, wenn die Schüler nicht 45-minütige Unterrichtsstunden erhalten. Wobei von Hagen hier kritisch anmerkt, dass auch Lehrermangel zur Reduzierung der Unterrichtszeit führt. Von Hagen sieht vor allem die Vorteile des Modells, sofern es von der Lehrerschaft mitgetragen wird. Sie wünscht sich daher mehr Mitspracherecht bei der Personalauswahl. Sie habe eines der jüngsten Kollegien in Sachsen-Anhalt. Viele Lehrer hätten das 80/10-Modell unterstützt.

Jedoch bedeuten mehr Unterrichtsstunden unter Umständen auch mehr Vor- und Nachbereitungszeit. Dies merkte auch die Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft kritisch an: „Durch einen Beschluss der Gesamtkonferenz können pädagogische Konzepte und Unterrichtspläne innerhalb einer Schule bestimmt werden“, erklärte Eva Gerth als Vorsitzende der GEW Sachsen-Anhalt.

Modell im Dienst anderer pädagogischer Konzepte
„Es kann durchaus Gründe geben, hier mit verschiedenen Modellen zu arbeiten“, räumt sie ein. Solange diese genutzt würden, um Raum für pädagogische, methodische oder Förderschwerpunkte zu schaffen, spreche aus gewerkschaftlicher Perspektive nichts dagegen. „Allerdings fällt unsere Bewertung deutlich anders aus, wenn ein solches Modell eingeführt wird, um den Lehrkräften mehr Fachstunden aufzubürden und damit den eklatanten Personalmangel aufzufangen“, so Eva Gerth weiter. Dies führe nämlich zu enormen Mehrbelastungen der einzelnen Lehrkräfte, etwa durch zusätzliche Unterrichtsvorbereitungen und Lernkontrollen, mit der Folge, dass die ohnehin sehr hohe wöchentliche Arbeitszeit der Lehrkräfte weiter steigen würde. Deshalb rät die GEW den Lehrkräften und Schulen von einer derartigen Umsetzung dringend ab, machte Gerth deutlich.

Auch Bildungsminister Marco Tullner stellt sich gegen eine entsprechende Umsetzung des Modells, sieht sehr wohl aber die Chancen, die sich für die Schulen dahinter verbergen können. Er hatte sich im ersten Halbjahr bereits ein Bild im Editha-Gymnasium gemacht und war mit Eltern, Lehrern und Schülern ins Gespräch gekommen, die sich die eigenständige Lernzeit zurückwünschten. Unter anderem äußerten Schüler, dass sie sich dadurch vertiefende Kenntnisse etwa in Informatik erarbeiteten.

„Das 80/10-Modell hat mit der Unterrichtsversorgung nichts zu tun“, erklärte auch das Landesschulamt. In dem Modell gehe es nicht darum, Lehrerarbeitszeit einzusparen oder umzulenken. „Das Modell ist ausschließlich eine pädagogisch-didaktisch geprägte Form der Unterrichtsorganisation“, erklärten die Mitarbeiter auf Volksstimme-Nachfrage. Es gehe im Kern darum, die Schüler durch eine besondere Strukturierung und Rhythmisierung in den Lernzeiten mit den Herausforderungen der modernen Lebens- und Arbeitswelt vertraut zu machen. Hintergrund sei, die Schüler verstärkt an eigenständiges, selbstorganisiertes Lernen heranzuführen, in dessen Fortschritt sie in der Lage sind, Arbeitsergebnisse selbstständig zu formulieren und zu präsentieren.

Ein Versuch unter enger schulfachlicher Betreuung
Bei dem Modell handele es sich um einen Versuch unter enger schulfachlicher Betreuung des Landesschulamts. Nach weiterer Evaluation des Modells würden die Ergebnisse auch Gegenstand der Dienstbesprechungen des Landesschulamts mit den Schulleitungen im Land Sachsen-Anhalt sein.

Die Unterrichtsversorgung an Magdeburger Schulen liegt im Durchschnitt bei 97,3 Prozent, teilte das Landesschulamt auf Nachfrage mit. Am Editha-Gymnasium liege sie zum 1. Januar 2020 bei 102 Prozent. Die Anzahl der zur Verfügung stehenden Lehrer könne sich aber regelmäßig ändern – etwa durch Krankheit, Beschäftigungsverbote aufgrund von Mutterschutz und nicht vorhersehbare Planung zu Erziehungsurlaub, gab das Landesschulamt zu bedenken.

Wie schwierig es ist, Lehrer zu finden, zeigte sich im vorigen Jahr. Im Februar waren 900 Stellen ausgeschrieben worden, von denen im April 200 immer noch nicht besetzt waren. Daraufhin waren die Anforderungen an Quereinsteiger noch einmal herabgesetzt worden.

Volksstimme Magdeburg

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