Verweigern aus Prinzip

Seit 100 Jahren gibt es in Deutschland die Schulpflicht / Beispiel einer Familie, die sie ablehnt.

Bei Familie Schickhoff ist das ganze Jahr ein Weihnachtsbaum im Wohnzimmer, und Schule gibt es nicht. Den Baum haben die Kinder auf die gelben Wände gemalt. Auf einem Regal stehen Schulbücher – meist aber unberührt. Die Kinder lernen seit knapp drei Jahren ohne sie zu Hause. Damals fragten die Eltern, ob sie weiter zur Schule gehen wollten. „Nein“, sagten drei der vier sofort.

„Die Schule war langweilig“, sagt die inzwischen zehnjährige Dori. Ihr eineinhalb Jahre älterer Bruder Caje wurde auf einer Waldorfschule gemobbt, auch die damals 17-jährige Autistin Anni fühlte sich unwohl. Mutter Angela sagt: „Wenn Erwachsene ihren Job nicht mögen, kündigen sie. Warum wird Kindern dieses Recht vorenthalten?“ Die damals 16-jährige Betty schmiss die Schule ein halbes Jahr später. Sie wollte nicht als Einzige früh aufstehen.

Damit macht sich die Potsdamer Familie strafbar. In Deutschland gilt Schulpflicht – seit hundert Jahren. Ausnahmen gibt es nur für Diplomaten- oder Schaustellerkinder und manchmal für kranke Kinder. Die Behörden können gegen Schulverweigerer Bußgelder verhängen, den Eltern das Sorgerecht entziehen oder sie – in einigen Ländern – sogar ins Gefängnis stecken. Die Schule sei wichtig, da Kinder dort Wissen vermittelt bekämen und lernten, wie man sich in der Gesellschaft mit Andersdenkenden verhält, urteilte das Bundesverfassungsgericht 2006 – maßgebend für alle anderen Gerichte.

Die Schickhoffs überlegten sich, in einen Staat auszuwandern, der Heimunterricht erlaubt. Tochter Betty war dagegen. Nach langem Hin und Her traf die Familie ihre Entscheidung: Widerstand gegen das Gesetz. Die Familie nennt das zivilen Ungehorsam. Sie meldeten dies dem Jugendamt, wie Angela Schickhoff sagt: „Natürlich hatten wir Angst, unsere Kinder zu verlieren. Aber wir hofften, die Behörden erkennen, dass es ihnen auch ohne Schule gut geht.“

Die Kultusministerkonferenz schätzt, dass es bundesweit rund 500 bis 1000 Heimunterricht-Familien gibt. Einige Eltern haben ähnliche Motive wie die Schickhoffs, sie wollen die Kinder vor Mobbing schützen oder finden, Lehrpläne und Noten schränkten zu sehr ein. Und für streng-religiöse Familien widerspricht etwa der Sexualkunde- oder Biounterricht der Weltanschauung. Viele tauchen unter, melden ihren Wohnsitz ab, leben illegal weiter in Deutschland. Andere reisen viel, leben im Wohnwagen oder wandern aus, heißt es bei der Freilerner-Solidargemeinschaft. Die Schickhoffs erhalten inzwischen immer wieder Besuch vom Jugendamt. Auch vor Gericht mussten sie erscheinen. Die Schulbehörde verhängte nach Angaben der Familie Zwangsgelder in Höhe von mehreren tausend Euro. Aber die Schickoffs zahlten nicht und wandelten ihre Konten in Pfändungsschutzkonten um, um den Zugriff des Staates zu verhindern.

Wissenschaftler sind uneins, ob Heimunterricht oder Freilernen gut oder schlecht für Kinder ist. Aussagekräftige Langzeitstudien gibt es kaum, sagt der Soziologe Thomas Spiegler von der Theologischen Hochschule Friedensau. Der deutsche Lehrerverband ist kritisch. Präsident Heinz-Peter Meidinger sagt: „Ich habe auch schon einige Kinder kennen gelernt, die keine Schule besuchten und von den Eltern unterrichtet wurden. Die hatten oft keine Leistungsprobleme, aber häufig Schwierigkeiten, sich richtig einzuschätzen, mit Kritik von anderen umzugehen und sich auf andere Jugendliche einzustellen.“

Volksstimme Magdeburg

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