Zwischen Hilfe zu Hause und Klausuren

Über Abi-Stress in Corona-Zeiten und die Enttäuschung eines ganzen Jahrgangs
Viel wurde in den vergangenen Wochen über die Belastungen von Schülern im „Home schooling“ geschrieben. Was aber sagen die Betroffenen selbst, insbesondere jene, die vor einer Prüfung stehen? Die Volkstimme hat mit einem Abiturienten aus dem Harz gesprochen.

Wir erwischen Erik Baranski gestern per Handy in der Schule. In diesen Zeiten keine Selbstverständlichkeit – es ist der zweite Tag nach fünf Wochen Corona-Zwangspause. Ab 4. Mai wird der Zwölftklässler am Stadtfeld-Gymnasium Wernigerode wie landesweit 6000 Schüler seines Jahrgangs Abitur-Prüfungen schreiben. Doch wie ist es ihm und seinen Mitschülern in den vergangenen Wochen ergangen? Und sind Prüfungen jetzt fair?

„Die Vorbereitung hat in jedem Fall gelitten“, sagt der 17-Jährige. Durch die Zwangspause sei der gewohnte Input im Unterricht ausgeblieben. Ein Nachteil etwa im Vergleich zu Hessen, findet Erik. Dort wurden die Abi-Prüfungen unter hohen Auflagen direkt nach Schließung der Schulen geschrieben.

Schwierig auch: Er und seine Mitschüler hätten von zu Hause aus noch Notenleistungen erbringen müssen. „Ich musste einen Klausur-Ersatz in Wirtschaft/Geographie abgeben und Vorträge in Geschichte schriftlich einreichen.“ Vergangene Woche standen zudem noch Vorklausuren in Deutsch, Mathe und Englisch an.

Der Arbeitsaufwand zu Hause war immens. Bis zu zehn Stunden hat er – wie andere – täglich gesessen. Nicht für alle war das leicht: Viele mussten sich um Geschwister kümmern. Erik selbst musste die Großeltern unterstützen, etwa mit Einkäufen.

Die nächsten Tage dürften den Jugendlichen nochmals stärker fordern. Wie fast alle seiner Mitschüler hat er sich für den ersten von zwei wählbaren Zeiträumen für die schriftlichen Prüfungen entschieden. Am 5. Mai geht es mit Mathe los, es folgen im Abstand weniger Tage Englisch, Deutsch und Geschichte. Bis zu zwölf Stunden investiert er inzwischen an stressigen Tagen.

Dass die Prüfungen stattfinden, findet Erik unterm Strich trotzdem richtig. „Es geht um Vergleichbarkeit“, sagt er. „Dass dem Abi 2020 der Makel anhaften könnte, es habe keine echten Prüfungen gegeben, jagt vielen Angst ein.“ Persönlich blickt der 17-Jährige den Prüfungen dennoch entspannt entgegen: „Ich brauche zum Glück keinen Numerus Clausus“, sagt er. Eriks Wunsch: Nach der Schule will er über das Auswärtige Amt Verwaltungswirtschaft studieren.

Eine riesige Enttäuschung sei für ihn und seine Mitschüler allerdings, dass Motto-Woche, letzter Schultag und vielleicht sogar der Abiball ausfallen müssen, sagt Erik. „Man hat das Gefühl, das Schöne wurde uns genommen und gleichzeitig müssen wir diese Prüfungen schreiben. Das sorgt schon für Frust.“

Volksstimme Magdeburg

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