Eine Schule! Keine Schule!

Im Ringen um eine neue Grundschule für Ostelbien scheitert die Kommunalpolitik einmal mehr
Wo in Cracau eine neue Schule gebaut wird, entscheidet der Rat frühestens im September. Wenn überhaupt. Nach zweijähriger Standortdebatte stellt das Stadtoberhaupt den Bedarf infrage. Ein Tohuwabohu aus Einzelinteressen und gewagte Zahlenjonglage.

2018 ist Brückfeld im Gespräch. Gärtner in 40 Parzellen der Sparte „Am Unterbär“ sollen Platz für einen Schulneubau machen – und wehren sich erfolgreich. Die Baupläne wandern nach Cracau – zunächst an die Cracauer Straße, gegenüber dem aktuellen Standort von Grund- und Gemeinschaftsschule in einem alten Backsteinbau. Dort müsstem die Gärtner der Sparte „Am Zuckerbusch“ weichen, 27 Parzellen. Sie schlagen Alarm wie die Brückfelder Nachbarn. Der Rat knickt erneut ein.

Cracauer Kleingärtner demonstrieren vor dem Rathaus für den Erhalt ihrer Parzellen – kontra Schulneubau an der Ecke Cracauer Straße/Zuckerbusch. Foto: Uli Lücke
Cracauer Kleingärtner demonstrieren vor dem Rathaus für den Erhalt ihrer Parzellen – kontra Schulneubau an der Ecke Cracauer Straße/Zuckerbusch. Foto: Uli Lücke

Jetzt liegt ein buntes Sammelsurium von Standortvorschlägen auf dem Tisch, das vom Hinterland des Geschäftszentrums Am Brellin (Vorschlag CDU/FDP) über die Abkehr vom Garten-Erhaltungsbeschluss am Zuckerbusch (SPD, Linke) bis zum alten Bauhof neben dem Winterhafen (Grüne/future!, AfD) reicht. In Form von fünf Ratsanträgen erreicht das Sammelsurium am Donnerstagabend den Stadtrat und einen im Angesicht der konträren Vorschläge kopfschüttelnden Ratsvorsitzenden Michael Hoffmann (CDU). „Eigentlich ist es nicht möglich, bei diesem Durcheinander eine Entscheidung zu treffen“, schickt er der Beratung voraus.Trümper zweifelt Bedarf an

Die Eröffnung der Debatte bestreitet das Stadtoberhaupt mit einem Überraschungscoup. Es sei „angemessen“, so Lutz Trümper (SPD), „den Neubau noch einmal zu überdenken“. Rums! Vielen Räten – besonders den in Ostelbien gewählten und Mitgliedern des Bildungsausschusses – pulsiert das Blut in der Halsschlagader. Manuel Rupsch (CDU) schüttelt wieder und wieder den Kopf. Christian Hausmann (SPD) gibt Fassungslosigkeit zu Protokoll und attestiert der Ratsversammlung später „Kleinmut und Ängstlichkeit“. Dennis Jannack (Linke) nennt das Zaudern in Sachen Schulneubau „eine Katastrophe“.

Trümper legt eine gewagte Jonglage mit Zahlen aufs Ratsparkett – und mit Ratsbeschlüssen. Beschlossen sind zum einen Grundschulneubauten für Ottersleben, Stadtfeld und Ostelbien. Beschlossene Sache ist zum anderen, dass Abc-Schützen in Magdeburg in Klassen mit im Schnitt 22 Kindern lernen sollen und da, wo besonders viele Migranten die Schule besuchen (Sprachprobleme), sogar nur mit 17 Einschülern pro Klasse kalkuliert werden darf.

Hintergrund der bereits vor Jahren getroffenen Entscheidungen im Rat waren zahlreiche Klagen von Eltern über überfüllte Klassen (30 Schüler und mehr) und sinkende Unterrichtsqualität. In der Folge – und weil komplett alle Schulen in Magdeburg fast oder ganz randvoll sind – zirkelt die Stadt jährlich ihre Schulbezirke neu, um ausufernden Kapazitätsproblemen an einzelnen Standorten beizukommen. So weit.

Trümper macht im Rat folgende Rechnung auf: Aktuell sei Platz für 106 Einschülerklassen in den Grundschulen. Würden alle mit 22 Schülern belegt, könnten 2332 Kinder untergebracht werden. „Die 17 als Obergrenze an Schulen mit hohem Migrantenanteil haben wir eingeführt, weil viele Kinder mit Sprachproblemen Klassen wiederholen mussten.“ Die meisten seien aber 2015 in die Stadt gekommen, hätten inzwischen auch Kindergärten besucht, so dass Sprachprobleme heute kleiner sein dürften, spekuliert Trümper und stellt die 17er-Grenze zur Disposition.Auf-Kante-Kalkulation

Laut aktuellen Zahlen würden, so Trümper weiter, die Einschülerzahlen bis 2025 auf 2201, zwischendurch – zum Schuljahr 2023/24 – auf 2424 steigen. Man könnte sie also knapp unterbringen – mit 22 Schülern pro Klasse oder ein paar mehr hier und da. Verweiler oder Zuzügler kalkuliert Trümper nicht ein.

Für Ostelbien macht er eine ähnliche Rechnung auf: Bei aktuell acht Einschülerklassen an den drei ostelbischen Grundschulen passen (mal 22) 176 Abc-Schützen in die Häuser. Aktuell seien 171 Einschüler für 2020 und für die Folgejahre je 175, 192, 183, 169 und schließlich 200 für das Jahr 2025 im Einzugsbereich gemeldet. „Ist da ein Neubau wirklich sinnvoll?“, fragt Trümper. Enger werde es dagegen an den weiterführenden Schulen. Die Räte mögen das dazu vorbereitete Beschlusspapier abwarten, bittet Trümper sich aus. Was er nicht erwähnt: Der Grundschulneubau in Cracau soll die Grundschule „Am Elbdamm“ ersetzen, auf dass sich die im selben Haus untergebrachte (weiterführende) Gemeinschaftsschule „Thomas Mann“ (seit Jahren an der Kapazitätsgrenze) ausbreiten kann. Und: In Ostelbien wird just viel neuer Wohnraum für Familien gebaut.

Aus der Ratsversammlung – sowieso außerstande sich auf einen Standort zu einigen – hagelt es nun Anträge zur Geschäftsordnung – auf Vertagung (SPD), Rückverweis in die Ausschüsse (AfD) und eine 10-Minuten-Auszeit (CDU/FDP). Danach geht’s schnell: Vertagt! Der Stadtelternrat postet zwei wütende Gesichter auf Facebook als erste Reaktion.

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