Elternkritik an gescheiterter Politik

Vorsitzende des Stadtelternrats verweist auf falsche Prioritäten und vertane Zeit in der Jahresmitte

In den Schulen breitet sich das Coronavirus rasant aus. Kinder und Jugendliche müssen daher nicht mehr in den Unterricht. Auch wenn sie damit eines ihrer Ziele erreicht hat, spricht aus den Worten der Vorsitzenden des Stadtelternrats im Schulausschuss Bitterkeit.

Vor wenigen Tagen hatte die Volksstimme über die Forderungen des Magdeburger Stadtelternrats berichtet, die Präsenzpflicht an den Schulen wegen horrender Corona Zahlen unter den Kindern und Jugendlichen aufzuheben. Am Dienstag war es dann soweit: Das Land setzte die Pflicht zum Schulbesuch aus. Dies aber mit Einschränkungen: Die Aussetzung der Präsenzpflicht müsse bei der Schulleitung beantragt werden. Sie gilt laut Schulministerium insbesondere für diejenigen, bei denen ein erhöhtes Risiko für einen schweren Verlauf einer Corona-Erkrankung besteht, die sich aus medizinischen Gründen nicht impfen lassen können oder die mit Menschen in einem Haushalt leben, die Risikogruppen angehören.

Und am 17. Dezember soll für dieses Jahr in Sachsen Anhalt der letzte Schultag sein. Ein Teilerfolg für den Stadtelternrat-dessen Vorsitzende Annette Kirstein jetzt eine Reihe von Versäumnissen der vergangenen Monate anprangerte. Gelegenheit dazu bot die Sitzung des Schulausschusses. Denn auch wenn die Landespolitik über die Inhalte und Organisation des Schulbetriebs bestimmt und Bund und Land mit Fördergeldern darüber entscheiden, was sich die Kommunen leisten können – für die räumliche Ausstattung der Schulen sind in erster Linie die Kommunen zuständig. Fehlende Digitalisierung Die Vorsitzende des Stadtelternrats sagte: „Zwar haben wir den Bildungsausschuss immer offen für unsere Anliegen erlebt. Doch ganz viele, die keine Schulkinder haben, wissen gar nicht was abläuft: Sie wissen nicht wie es ist, sein Kind in die Schule zu schicken und nicht zu wissen, ob es gesund zurückkommt.“

Unzählige Experten hatten vor der „Pandemie der Ungeimpften“ gewarnt. Und angesichts einer späten Freigabe eines Impfstoffs für Jugendliche ab zwölf Jahren und der noch ausstehenden Freigabe für die jüngeren Kinder sind es insbesondere junge Menschen, die bislang wenig geimpft wurden. Die Schlussfolgerungen der Politik sieht der Stadtelternrat dabei kritisch. Die von Ministerien und Verwaltung mit Sicherheit in guter Absicht verfolgte Maxime, dass Kinder ein „Recht auf Beschulung“ haben, führte „zu einer einseitigen Fixierung auf die Präsenzpflicht“, so Annette Kirstein.

Sie sieht drei gravierende Folgen aus diesen Entscheidungen. Zum einen sei die Festlegung auf eine Anwesenheitspflicht für Kinder und Jugendliche in den Schulen zu Lasten deren Gesundheitsschutzes gegangen. „Da Kontaktpersonen nicht mehr in Quarantäne gehen, bedeutet der Schulbesuch besonders für ungeimpfte Kinder derzeit ein hohes Infektionsrisiko. Diesem Risiko wurden und werden unsere Kinder ausgesetzt, ohne dass wir Eltern gefragt wurden oder gar unsere Zustimmung gegeben hätten. Das ist nicht in Ordnung!“, prangert die Vorsitzende des Stadtelternrats die Entscheidungen an. Wenn das so weitergehe, habe sich bis zum Ende des Winters nahezu jedes Kind infiziert. „Wohl keine Ethikkommission der Welt hätte so ein Experiment an Kindern genehmigt“, sagt Annette Kirstein.

Mit der einseitigen Fixierung auf die Präsenzpflicht werde irreführend „Präsenzunterricht“ mit „Umsetzung des Rechts der Kinder auf Beschulung“ gleichgesetzt. Die Kinder haben aber kein Recht auf Präsenzunterricht, sondern sie haben ein Recht auf Beschulung und auf funktionierende Unterrichtsangebote. Die Wahrheit ist aber laut der Vorsitzenden des Magdeburger Stadtelternrats, dass nach 20 Monaten Pandemie das Recht der Kinder auf Beschulung aufgrund fehlender Digitalisierung flächendeckend leider nur durch Präsenzunterricht umgesetzt werden könne. „Überall im Land haben Eltern das Gefühl, dass im Frühjahr und Sommer dieses Jahres hier vieles verschlafen wurde“, so ihre Einschätzung. Und mehr noch: Da Kinder trotz mangelnden Corona Schutzes in den Präsenzunterricht geschickt wurden, drohe nun der nächste Lockdown. „Erst ist eine Klasse nach der anderen gezwungen zu schließen, bald folgen wahrscheinlich ganze Schulen. Daher wiederholen wir heute, was wir letztes Jahr bereits angemahnt haben: Keiner weiß, wie der nächste Corona-Winter aussieht. Wir brauchen dringend Alternativen für die Schule der Zukunft“, so die Forderung der Magdeburger Elternvertretungen. In den wesentlichen Punkten mochte auch im Bildungsausschuss niemand Annette Kirstein widersprechen.

Bislang haben sich in Magdeburg in den vergangenen Monaten 659 Jungen und 619 Mädchen zwischen 5 und 14 Jahren mit Covid 19 infiziert. Täglich kommen weitere hinzu, wie die vom Robert-KochInstitut veröffentlichten Zahlen zeigen.

Volksstimme Magdeburg

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