Land beendet Sonderweg beim Abitur

Sachsen-Anhalts Abiturienten können ab dem neuen Schuljahr wieder zwischen Grund- und Leistungskursen wählen. Das Land setzt Vorgaben der Kultusminister um.

Sachsen-Anhalts Oberstufenschüler werden künftig wieder in getrennten Kursen auf zwei Leistungsniveaus unterrichtet. Ab nächstem Schuljahr können angehende Abiturienten je zwei Kurse auf erhöhtem und vier auf grundlegendem Niveau aus sechs Kernfächern anwählen. Die neuen Quasi-Leistungskurse werden mit fünf Stunden pro Woche unterrichtet, die neuen Grundkurse mit drei. Mit der Reform kehrt das Land weitgehend zu einem Modell zurück, das bis vor 17 Jahren galt. Derzeit müssen alle Schüler in Kernfächern wie Mathe und Deutsch Unterricht auf erhöhtem Niveau belegen. Erst in den Abi-Prüfungen ist eine Wahl zwischen Leistungskurs- und Grundkursniveau möglich.

Anlass für die Reform sind Pflicht-Vorgaben der Kulturministerkonferenz (KMK) der Länder. Ziel ist eine bessere Vergleichbarkeit beim Abitur. Mit der neuen Oberstufenverordnung gehe das Land eine weiteren Schritt in diese Richtung, sagte Bildungsminister Marco Tullner (CDU) gestern. So gebe man Schulen eine klare Perspektive, dass es gerechter zugeht in Deutschland. „Ob Magdeburg oder Mainz, die Rahmenbedingungen werden deutlich vergleichbarer“, so Tullner.

Bei der Ausgestaltung habe sich das Land bewusst für ein Modell entschieden, das andere Bundesländer bereits praktizieren. Das neue System erfordert mehr Lehrer. Tullner bezifferte den Bedarf auf 65 Stellen zusätzlich. Da das Land 2019 ohnehin einen Aufwuchs beim Lehrpersonal plant, rechnet der Minister aber nicht mit Engpässen.

Die Debatte um die Vergleichbarkeit des Abiturs hat eine Vorgeschichte. Bis 1999 galten bundesweit einheitliche Standards: Oberstufenschüler durften zwischen Grund- und Leistungskursen wählen, zwei Leistungskurse waren Pflicht. Dann kippte die KMK die Regeln, Sachsen-Anhalt zog die Zügel besonders straff: 2007 erhöhte das Land die Zahl der Kurse auf erhöhtem Niveau auf sechs. 2013 schaffte es die Möglichkeit ab, zwölf schlechtere Halbjahresnoten zu streichen. Nur in Mecklenburg-Vorpommern waren die Anforderungen ähnlich hoch. Die Folgen waren drastisch: Laut dem Abitur-Experten Günter Gerrmann scheiterten vor der Reform (2004) nur 8 Prozent der Gymnasiasten am Abitur. 2014 waren es fast 20 Prozent.

Die Gewerkschaft der Gymnasiallehrer, der Philologenverband, sieht Licht und Schatten bei der Reform: Positiv sei wegen zu erwartender besseren Abiturnoten eine höhere Chancengerechtigkeit für Sachsen-Anhalts Abiturienten beim Hochschulzugang, sagte Vorsitzender Thomas Gaube. Allerdings reduziere sich das wöchentliche Volumen für Kernfächer um zwei Stunden zugunsten eines neuen Wahlpflichtfaches. Es sei fraglich, ob man der Studierfähigeit der Schüler damit einen Gefallen tue. Das Ministerium verteidigte den Schritt: Wahlpflichtfächer seien im Sinne einer breiten Allgemeinbildung.

Volksstimme Magdeburg 14.11.2018

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