Nur 300 neue Lehrer sind im Dienst

Warum zwei Drittel der erhofften Pädagogen an den Schulen noch fehlen
Sachsen-Anhalt braucht zu lange, um neue Lehrer vor die Klassen zu bekommen. Für 900 im Februar ausgeschriebene Stellen standen bei Schuljahresbeginn nur gut 300 neue Kollegen zur Verfügung.

Bildungsminister Marco Tullner (CDU) hatte die Lehrer-Großausschreibung in diesem Jahr extra vorgezogen, um rechtzeitig zum Schuljahresbeginn möglichst viele Lehrer an Bord zu holen. Mit 895 Stellen schrieb das Schulamt im Februar über sein Online-Portal so viele Angebote auf einmal aus wie nie.

Die Ausbeute ist mager: Von 1060 Bewerbern waren bei Schulstart nur 317 neue Lehrer im Dienst – gut ein Drittel des Ziels. Das geht aus der Antwort des Ministeriums auf eine Anfrage von Linke-Fraktionschef Thomas Lippmann hervor.

Bündnis plant Volksbegehren
157 voll ausgebildete Lehrer erhielten nach ihrer Bewerbung auf Wunschstellen kein Angebot, nur den Hinweis per Mail auf andere Stellen. „Offenbar dauert es Monate, bis Bewerber eingestellt werden“, sagte Lippmann. Gleichzeitig seien erneut zu viele voll ausgebildete Lehrer weggeschickt worden, weil sie nicht ins System gepasst hätten.

Sein Fazit: „Minister Tullner ist mit seinen Online-Ausschreibungen komplett gescheitert. Das System gehört abgeschafft.“

Unterstützung kommt vom Kenia-Koalitionspartner SPD: „Spätestens diese Zahlen zeigen, dass das Verfahren viel zu aufwändig und kompliziert ist“, sagte Bildungspolitikerin Angela Kolb-Janssen. Neben Ausschreibungen mit Fristen brauche es einen Pool ständig verfügbarer Stellen. Mecklenburg-Vorpommern etwa habe so etwas längst.

Das Ministerium teilte mit: Auch bei hohem Bedarf dürfe das Land Auswahlkriterien des öffentlichen Dienstes nicht außer Kraft setzen. „Es muss rechtlich belastbar eine Bestenauswahl erfolgen“, sagte der Sprecher. Bei der Februar-Ausschreibung seien insgesamt 420 Bewerber verpflichtet worden (2019: 590). Neueinstellungen würden durch Kündigungsfristen in bisherigen Jobs der Bewerber und späte Rückmeldungen aber verzögert. Darüber hinaus führe das Land Gespräche mit den Seiteneinsteigern unter den Bewerbern (zuletzt 512), um ein Scheitern zu verhindern. Wenn ausgebildete Lehrer keine Zusage erhalten, liege das daran, dass sie Angebote absagen, nicht reagieren oder andere einfach besser sind.

Die Unterrichtsversorgung im Land ist nach Schätzungen der Gewerkschaft GEW im neuen Schuljahr auf einem neuen Tiefpunkt angekommen. Grund: Pro Jahr gehen rund 900 Lehrer in Rente, gleichzeitig rücken zu wenig Jüngere nach, die Schülerzahlen steigen. Betraf der Mangel bisher vor allem Sekundar- und Förderschulen, trifft es inzwischen auch Gymnasien. Das Goethe-Gymnasium in Weißenfels informierte Eltern vor drei Wochen über den Totalausfall von Religion und Biologie in mehreren Klassen. Laut Ministerium hat sich die Situation dank Vertretungen und Abordnungen inzwischen in Teilen entspannt.

Das Bündnis „Den Mangel beenden“ aus Linke, Gewerkschaft und Verbänden will die Lage nicht länger hinnehmen. Per Volksbegehren will es einen Personalschlüssel ins Schulgesetz schreiben lassen. Im Oktober soll die Aktion angemeldet werden. Die nötigen 6000 Unterschriften habe man, hieß es.

Volksstimme Magdeburg

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