Schule am Stadtpark

Stadtrat setzt Neubau am Winterhafen durch
Der Stadtpark macht Schule. Am aktuell wegen des Brückenbaus gesperrten Eingang Winterhafen sollen auf dem alten Bauhof des Tiefbauamtes künftig Kinder und Jugendliche lernen. Das hat der Stadtrat am Donnerstagabend nach heftigem Streit beschlossen.

Schwere Geburt – nach mehr als zweijährigem Ringen um einen neuen Schulstandort in Ostelbien ist mit dem Stadtparkeingang an der Straße Am Winterhafen einer gefunden. Dem mehrheitlichen Entschluss auf Antrag der Ausschüsse Bildung und Bau gehen stundenlange Sitzungen in Ratsgremien und zuletzt eine stundenlange Redeschlacht im Stadtrat voraus. Oberbürgermeister Lutz Trümper (SPD) ist Gegner eines Schulneubaus am Park, muss aber einmal mehr wider den eigenen Willen den einer Ratsmehrheit umsetzen.

Am Standort des in Auflösung befindlichen Bauhofs des Tiefbauamtes (hinter der Backsteinmauer rechts) soll am Eingang zum Stadtpark neben dem Winterhafen eine neue weiterführende Schule für Kinder und Jugendliche ab Klasse fünf entstehen. Foto: Katja Tessnow
Am Standort des in Auflösung befindlichen Bauhofs des Tiefbauamtes (hinter der Backsteinmauer rechts) soll am Eingang zum Stadtpark neben dem Winterhafen eine neue weiterführende Schule für Kinder und Jugendliche ab Klasse fünf entstehen. Foto: Katja Tessnow

Jahrelange Vorgeschichte
Ausgangspunkt ist ein Ratsbeschluss von 2018 zum Neubau einer Grundschule in Ostelbien, gefolgt von einer heillosen und Fraktion gegen Fraktion geführten Schlacht um Standorte, die zu keinem Ergebnis kommt. Als sich im Juni 2020 endlich Mehrheiten für den Heumarkt abzeichnen, tritt Trümper vor Abstimmung mit einer Depesche auf: Für eine Grundschule sei kein Bedarf. Stattdessen werde es in den Schulen ab Klasse fünf eng – Empörung bei Räten und Eltern, Thema vertagt.

Anfang November steht im Rat erstmals der neue Verwaltungsvorschlag zur Abstimmung: Abkehr vom Schulbau in Ostelbien, Bau einer weiterführenden Schule im Stadtzentrum, Thema vertagt.

Vier Wochen und ein paar stundenlange Ausschusssitzungen später gebiert eine Stadtratsmehrheit den bis zur Abstimmung tragfähigen Kompromiss: Schulneubau am Winterhafen. Einziehen soll hier die dann vergrößerte Thomas-Mann-Gemeinschaftsschule vom Elbdamm. Das Gebäude, das sie sich aktuell an der Cracauer Straße mit der Elbdamm-Grundschule teilt, steht danach allein den Erst- bis Viertklässlern zur Verfügung.

Viele Fliegen, eine Klappe, so das stolze Credo der nun einigermaßen einigen Räte. Trümper zerfetzt den Vorschlag nach Strich und Faden.

Standpauke von Trümper
Darauf müsse man erst mal kommen, so das Stadtoberhaupt: Gegenüber auf der anderen Seite der Alten Elbe erhöhe man den Damm zum Schutz der dortigen Schule. „Und hier wollen Sie eine neue ohne Damm bauen?“ Altlasten, Umweltverträglichkeit, Verkehrsanbindung – alles ungeklärte Fragen, so Trümper, die einen Neubau am Standort zu einem extrem belastenden Projekt machten. „Da sind wir mindestens bei 80 Millionen Euro und wenn wir dann nicht mal den Bedarf nachweisen können, wird uns das Land die Fördermittel nur so hinterherschmeißen!“

Dem Stadtoberhaupt, das erläutert Trümper am Donnerstag erstmals ausführlich, schwebt eine neue Schule auf stadteigenem Grund – hin zur Jakobstraße – auf dem Universitätsplatz vor, eine IT-Modellschule mit Anbindung an die Universität. Ein benachbartes Grundstück für mehr Bauplatz habe er erst vor Tagen bei den Städtischen Werken zum Ankauf reservieren lassen. Zentrale Lage, Uni als Nachbar, Straßenbahn vor der Tür: „Was will man mehr?“

Vor allem wolle man, kontern Räte von CDU, Linke, FDP und Grünen sinngemäß, über neue Entwicklungen – beträfen sie Schülerzahlenprognosen oder verwaltungsintern bevorzugte Standorte – frühestmöglich, ausführlich und auf Augenhöhe informiert werden und nicht erst am Tag der Abstimmung. So werde der Stadtrat übel ausgespielt, attestiert von Beifall begleitet die Linke Anke Jäger und nennt den Umgang der Verwaltung mit dem Rat „unverantwortlich“. Bernd Heynemann (CDU) empfindet den Wandel der Dinge in Sachen Schulplanung „magisch“.

Misstrauen im Rat
René Hempel erinnert an die Kita-Krise, deren Nahen die Stadt jahrelang bestritt, bis Hunderte Plätze fehlten. Ebenso hauruck hätten neue Grundschulen hergemusst, nun – „o Wunder“ (Hempel) – braucht es weiterführende Schulen, am besten sofort.

Carola Schumann (FDP) erklärt auch für ihr Lager ein Misstrauen in die Schülerprognosen. Die Ottersleberin hat vor der Haustür eine jahrelange Enge und Schulbetrieb mit Außenstelle erlebt, weil die Stadt Erweiterung oder Neubau lange als unnötig erachtete.

Gegenseitige Vorwürfe hagelt es mit Blick auf die Hochwassergefahr am Park und den Umstand, dass eine linksgrüne und von der AfD unterstützte Ratsmehrheit vor Monaten aus diesem Grund und zum Schutz des Parkes den Bau einer Altenwohnanlage in Investorenregie ablehnte. Damals stritt Trümper für den Bau und warf nicht – wie jetzt – Fotos mit Hochwassermarken an die Ratswand.

Eine Schule als Allgemeingut sei etwas anderes als eine Wohnanlage für betuchte Senioren, argumentieren die Grünen. Es gebe Beispiele für hochwassersichere Schulbauten, sagt Bauausschusschef Mirko Stage (future!). Im Fall der Fälle sei die Evakuierung eines Demenzwohnzentrums schwerwiegender als die zeitweise Schließung einer Schule. Die Grünen wollen auch deshalb die Schule am Standort, weil sie anderenfalls eine Bebauung als teures Wohnviertel befürchten.

Ein Alternativvorschlag der CDU für einen Schulneubau hinterm Fußballstadion (Gübser Weg) fällt durch. Eine Ratsmehrheit aus SPD, Grüne/future!, AfD, FDP/Tierschutzpartei und einigen Linken setzt den Bau am Park durch. Parallel soll die Stadt nach einem zweiten Schulbaustandort in der Innenstadt suchen. Der Universitätsplatz bleibt im Rennen.

Volksstimme Magdeburg

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