Schwänzen auch im Heim-Unterricht

Welche Effekte Schulsozialarbeiter bei Schülern in Magdeburg im Lockdown beobachteten
Ob Schüler mit dem Homeschooling zurecht kamen, hing vor allem auch mit den Elternhäusern zusammen. Einen positiven Einfluss auf Kinder und Jugendliche mit schulvermeidendem Verhalten konnte nicht festgestellt werden. Das geht aus einer Stellungnahme der Verwaltung hervor.

Hat die Coronavirus-Pandemie Einfluss auf das Verhalten von Schulverweigerern? Mit dieser Frage wollte sich die Fraktion Die Linke des Stadtrates beschäftigen und hat eine entsprechende Anfrage an die Verwaltung gestellt. Die kommt nach Rücksprache mit den Sozialarbeitern zu der Einschätzung: Nein. Das Jugendamt schätzt nach Rücksprache mit Schulsozialarbeitern gar ein, dass Schüler, die dem Unterricht bislang fernblieben, zwar in der Corona-Pandemie die Chance eines Neuanfangs gesehen hätten, „jedoch zum größten Teil das Fernbleiben von der Schule weiter ausgebaut“ haben.

Aus den Erfahrungsberichten der Schulsozialarbeiter kann geschlussfolgert werden, dass die Herkunftsbedingungen und damit die Unterstützungsmöglichkeiten durch die Familie sowie der Informationsfluss durch die Schule den Erfolg im selbstorganisierten Lernen bedinge. Allerdings brauche es für eine fundierte Aussage mindestens einen langfristigen Zeitraum für eine Befragung, „um ein repräsentativeres Bild zu diesem Thema aufzuzeigen“. Auch eine nachhaltig wissenschaftliche Begleitung müsste ermöglicht werden.

Das Landesschulamt bestätigt in der Stellungnahme der Verwaltung: Es gebe keine generelle Antwort auf die Frage, wie Corona wirke. Maßgeblich sei die Ursache des Schulabsentismus. Bislang gebe es noch keine Studien zur Wirkung des Lockdowns auf die betreffende Schülergruppe. „Es ist jedoch anzunehmen, dass Kinder und Jugendliche mit schulvermeidendem Verhalten, welches nicht auf Angst oder Phobie beruht, keine positiven schulischen Effekte durch das Lernen zu Hause zeigen“, heißt es weiter. Sie könnten und wollten sich gegebenenfalls nicht ausreichend selbst organisieren. Diese Kompetenz werde in darauf ausgerichteten Unterrichtssequenzen in der Schule erworben.

Das Lernen auf Distanz sei zudem im eigentlichen Sinne kein „Selbstorganisiertes Lernen“, sondern werde auf Anleitung der Schule und unter Vorgaben der Schule organisiert, erläutert das Landesschulamt weiter.

Das Konzept des „Selbstorganisierten und kooperativen Lernens (SOL)“ sei ein ganzheitlicher didaktisch-methodischer Ansatz zur Verbesserung der Lern- und Kooperationsfähigkeit. Vor dem Hintergrund der Notwendigkeit von lebenslangem Lernen in Beruf und Gesellschaft bestehe das Hauptanliegen darin, die Kompetenzen der Schüler mit dem Ziel einer umfassenden Handlungskompetenz ständig weiter zu entwickeln. Dabei leiste der SOL-Ansatz einen wichtigen Beitrag zur Selbstständigkeits- und Verantwortungserziehung.

Welche Aspekte in das Verhalten von schulvermeidenden Kindern und Jugendlichen reinspielen, zeigt sich in den Aussagen der Schulsozialarbeiter, die für die Stellungnahme der Verwaltung befragt worden waren. Die Antworten wurden anonymisiert zur Verfügung gestellt.

Nach den Ferien nur noch einen Tag in der Schule
Und so berichtet ein Schulsozialarbeiter: „In meiner Schule gibt es einen Schüler, den wir durch Corona nahezu verloren haben. Der Schüler hatte vorher bereits etliche Fehltage und konnte beim anschließenden Wechselmodell aufgrund der besonderen Regel an unserer Schule (Erlaubnis, zu Hause zu bleiben, wenn es bei ihm/ihr oder in der Familie gesundheitliche Probleme gibt) quasi mit Erlaubnis dem Unterricht fernbleiben. Nach den Sommerferien war er noch keinen Tag in der Schule. Ich habe ihn irgendwann auf dem Bauspielplatz gesehen. Er meinte zu mir, er habe keine Lust auf Schule. Die Mutter arbeitet leider nicht mit uns zusammen. Ich versuche trotzdem, den Schüler zurückzugewinnen.“

Ein anderer Sozialarbeiter schreibt: „Ich habe schon das Gefühl, dass die Form des Homeschoolings positive Auswirkungen auf die schulabstinenten Schülerinnen und Schüler hatte. Denn haben sie sich so doch mit dem schulischen Lernstoff zu Hause auseinandersetzen müssen und konnten sie hierdurch eventuell einige Wissenslücken schließen oder sogar interessante Themen für sich entdecken und sich hierdurch wieder motivieren beziehungsweise neuen Mut entwickeln. Natürlich gab es aber auch etliche Beispiele (und dies nicht nur bei schulabstinenten Schülerinnen und Schülern), wo es zu Hause im Zuge des Home- schoolings richtig ‚gekracht‘ hat und hierdurch auch Problemlagen innerhalb des familiären Kontextes entstanden sind.“

Aber auch positive Effekte waren zu beobachten, schreibt dieser Schulsozialarbeiter: „Bei der Befragung der Schülerinnen und Schüler stellte sich heraus, dass viele Kinder die Selbstständigkeit des Lernens in Bezug auf die Fächerwahl, Zeit und Ort des Lernens sowie Pausengestaltung als vorteilhaft empfanden. Sie genossen die Ruhe beim Lernen zu Hause. Bei einigen Kindern, die mit dem Lernen in der Schule Probleme hatten, konnten durch die regelmäßige Unterstützung der Familie Lernerfolge erzielt werden. Andere Kinder, die in der Schule fleißig lernten, aber während des Lockdowns kaum oder keine Unterstützung erhielten, zeigten ein Absinken der Leistungen.“

Und ein weiterer Schulsozialarbeiter empiehlt: „Es wäre zu überlegen, bei 50 Prozent der Beschulung auf ein Modell des tageweisen Wechsels aus Heim- und Präsensunterricht zu setzen, um die Lücken bei den Kindern nicht zu groß werden zu lassen. Zudem wurde erkennbar, dass gerade Kinder aus nicht-deutschsprachigen Haushalten größere Schwierigkeiten haben, da ihnen die häusliche Unterstützung beim Aufgabenverständnis fehlt. Schulabsentismus kann gerade in Phasen eines Lockdowns durch entsprechende Gesprächs- und Kommunikationsangebote zwischen Schule und Elternhaus entgegengewirkt werden, zudem war vielen Eltern nicht klar, dass einige Lehrkräfte in der Schule erreichbar waren, die Schule also nicht vollständig geschlossen hatte.“

Volksstimme Magdeburg

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