Wut über wochenlange Schulschließung

Mediziner fordern Wechselmodell und Schnelltests / Familien verzweifeln an Heim-Unterricht
Schulen zu bis Ende Februar? Diese Aussicht gab Bildungsminister Marco Tullner (CDU). Dagegen regt sich scharfer Protest. Ärzte sehen bessere Möglichkeiten.

Schülern und Familien droht noch wochenlanger Heimunterricht. Doch dagegen regt sich Widerspruch. Auch von Ärzten und Bildungsexperten. „Flächendeckend alle Schulen bis Ende Februar geschlossen zu halten – das ist absolut inakzeptabel und unnötig“, sagt der Ärztliche Direktor der Uniklinik Magdeburg Hans-Jochen Heinze. „Wir haben mittlerweile gute und massenhaft einsetzbare Schnelltests, um auch bei erhöhten Infektionszahlen wenigstens wieder einen Wechselunterricht zu ermöglichen“, sagte er. Die Uniklinik sei bereit, die bereits erprobten Tests fortzusetzen.

Dabei handelt es sich um Schnell- und Gurgeltest. Sie dauern nur zehn Minuten. „Sollte ein Kind oder ein Lehrer infiziert sein, müsste nicht die ganze Schule gleich wieder schließen, sondern es würde nur die betroffene Klasse nach Hause geschickt“, sagt Heinze. Zudem sollte das Land alle Kräfte bündeln, um Schulen schrittweise mit Luftfiltern auszurüsten.

Uni-Rektor Jens Strackeljan meint: „Wir brauchen einen verlässlichen Stufenplan, wie wir Unterricht an den Schulen und Seminare an den Universitäten wenigstens in kleineren Gruppen wieder ermöglichen können.“ Universität sowie Klinikum seien bereit, die Landesregierung zu unterstützen.

Auch der renommierte Bildungswissenschaftler Professor Manfred Prenzel kritisiert den aktuellen Zustand. „Die Schüler kommen im Stoff nicht gut voran. Noch kritischer ist es, dass die Kinder Gefahr laufen, ihre Tagesstruktur zu verlieren und orientierungslos werden“, sagt er der Volksstimme. Prenzel war von 2014 bis 2017 Vorsitzender des Wissenschaftsrats in der Bundesrepublik. Natürlich habe Gesundheit Vorrang, sagte Prenzel. Aber man könne mehr tun als nur Notbetreuung. „Die Familien haben ein großes Bedürfnis nach Verlässlichkeit und Berechenbarkeit. Wir müssen uns verabschieden von der Unvorhersehbarkeit von Beschulung.“

Wegen der Schulschließungen kommen Kliniken unter Druck. „Es fallen reihenweise Schwestern und Ärzte aus, weil sie zu Hause bleiben müssen“, sagt Kerstin Stachel vom Klinikvorstand. Zwar gebe es einen Nobetreuung. „Aber die ist mehr schlecht als recht.“

Ängste vor einer Rückkehr in die Klassen gibt es vor allem unter der Lehrerschaft – in Sachsen-Anhalt ist der Altersdurchschnitt hoch. „Dann sollten Lehrer baldmöglichst geimpft werden“, sagt Magdeburgs Amtsarzt Eike Hennig. Er hält die Komplettschließung der Schulen für falsch.

Derzeit gilt bundesweit ein Inzidenz-Grenzwert von 50: Bei Werten darüber wird das Leben drastisch zurückgefahren. Ein wesentlicher Grund: Ab dann könnten Gesundheitsämter Infektionsketten nicht mehr verfolgen. Doch das stimmt so pauschal nicht. Magdeburg etwa weist eine Inzidenz um die 100 auf. „Dennoch können wir fast ausnahmslos jede Infektionskette verfolgen und Kontaktpersonen in Quarantäne schicken“, sagt Hennig.

Auch aus der Opposition kommt Widerspruch. Das Mindeste sei Wechselunterricht mit Beginn des neuen Halbjahres am 15. Februar, sagt Linken-Fraktionschef Thomas Lippmann.

Volksstimme Magdeburg

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